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4. Lars' großes Abenteuer
Lars streckte sich und spürte die Kühle des Morgens, die in seiner kleinen Höhle hing. Der Boden unter seinem Moosbett war hart, doch das kümmerte ihn wenig. Er war frei, das war alles, was zählte. Langsam stand er auf und schob sich an den Felsen entlang in Richtung Ausgang der Höhle in der er sich am Abend zuvor eingerichtet hatte. Der Tau glitzerte auf den Blättern draußen, und die Luft war erfüllt von einem frischen, feuchten Duft. Doch schon nach einem tiefen Atemzug fiel Lars wieder ein, was seine neuen Herausforderungen waren.
Es dauerte nicht lange, bis er einen kleinen Bachlauf entdeckte, der zwischen den Steinen plätscherte. Hier könnte er sich waschen, vielleicht auch etwas Wasser trinken. Er kniete sich nieder und schaute ins Wasser, sein eigenes Spiegelbild betrachtend. Er musste sich an diese raue Lebensweise gewöhnen. „Was Finn wohl jetzt gerade macht? Ob er mich vielleicht doch sucht?“ dachte er kurz, bevor er diesen Gedanken verscheuchte. Er wollte sich ganz auf seine neue Freiheit konzentrieren.
Ein Rascheln im Gebüsch ließ Lars plötzlich aufhorchen. Sofort sprang er hinter einen Stein. Wer oder was konnte das sein?
Ein riesiges Eichhörnchen huschte mit zuckendem Schweif aus dem Gebüsch. Es trug eine dicke Walnuss in seiner Schnauze und suchte wohl nach einem geeigneten Versteck, um es im Boden zu vergraben. "Oh. Essen frei Haus." dachte sich Lars und verhielt sich still, um das Tier nicht zu verjagen.
Das Eichhörnchen hüpfte flink über das Laub und schnupperte immer wieder am Boden, auf der Suche nach dem perfekten Versteck für seine Walnuss. Lars, der reglos hinter seinem Stein kauerte, beobachtete das Tier gebannt. Die Walnuss, fest zwischen seinen Zähnen geklemmt, war für ihn plötzlich ein Schatz, den es zu bergen galt.
Als das Eichhörnchen schließlich eine Stelle fand und begann, die Walnuss mit seinen kleinen Pfoten in den Boden zu drücken, überlegte Lars fieberhaft. Sollte er warten, bis das Eichhörnchen verschwunden war, oder versuchen, sich sofort die Walnuss zu schnappen? Er entschied sich für die riskantere Variante. Vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter, schlich er sich an.
Doch gerade als seine Hand die Walnuss fast erreicht hatte, bemerkte das Eichhörnchen die Bewegung. Mit einem erschrockenen Quieken machte es einen Satz nach hinten und starrte Lars mit weit aufgerissenen Augen an. Lars hielt die Luft an.
Es sprang weg. Und starrte den winzigen Menschen mit wütenden Augen an. Seine Pfoten hielten die für Lars riesige Nuss fest im Griff und zeternd schimpfte das Eichhörnchen auf Lars ein. "iek! iek! iek! iek! iek!!" Als wollte es sagen. 'Was glaubst du wer du bist, dass du hier meine Nuss stehlen willst. Schäm dich!'
Lars wich erschrocken zurück und hob abwehrend die Hände. „Hey, hey! Schon gut!“, rief er, „ich wollte nur ein bisschen was zum Knabbern haben. Wir könnten doch teilen, oder?“ Doch das Eichhörnchen war sichtlich unbeeindruckt. Mit energischem Zucken des Schweifs hielt es ihm seine Position entgegen, als wäre es bereit, seine Nuss bis zum letzten zu verteidigen.
Lars seufzte und setzte sich zurück ins Gras. Die riesige Walnuss war für ihn eine ganze Mahlzeit, und es tat ihm leid, so nahe daran gewesen zu sein. Aber während er das Eichhörnchen so betrachtete, kam ihm eine Idee. „Vielleicht könnten wir Freunde werden“, murmelte er leise. Wenn er dem Eichhörnchen nützlich sein könnte, wäre es vielleicht bereit, ihm ab und an eine Nuss zu überlassen.
Er nahm einen kleinen, herabgefallenen Ast und begann, damit vorsichtig eine Mulde in den Boden zu graben, um dem Eichhörnchen zu zeigen, dass er auch hilfreich sein konnte. Das Eichhörnchen beobachtete ihn skeptisch, die Walnuss fest in seinen Pfoten, doch Lars bildete sich ein, einen Hauch von Neugier in den schwarzen Knopfaugen zu sehen.
Das Tier, für Lars mächtig wie ein kleines Pferd, schien interessiert. Aber weniger, weil Lars ihm eine Hilfe wäre. Denn er war ein außergewöhnlich schlechter Lochgräber. Aber vielmehr, weil es noch nie so ein kleines Menschlein gesehen hatte. Für das Eichhörnchen war es interessant, wie es sich das kleine Männlein abmühte nur um an seine Nuss zu kommen.
Das Eichhörnchen kam ein paar Schritte näher, den Kopf schräg gelegt, und schnüffelte neugierig an Lars. Mit seinen riesigen, wachsamen Augen musterte es ihn von oben bis unten. Lars, der sich bei jedem Schritt des Tieres winziger fühlte, hielt still, den kleinen Ast immer noch fest umklammert. „Also, was hältst du davon?“ fragte er mit einem schiefen Lächeln, obwohl ihm die Situation langsam etwas unbehaglich wurde.
Das Eichhörnchen machte einen weiteren Satz nach vorn und stupste Lars mit der Spitze seiner großen Nase, so sanft, wie ein riesiges Wesen eben sanft sein konnte. Lars taumelte leicht zurück und hörte das Eichhörnchen erneut in seinem eigenwilligen „Iek! Iek!“ zetern. Es schien eine Mischung aus Verwunderung und Belustigung in seinem Blick zu liegen, als würde es denken: ‚Dieses kleine Menschlein... Wie putzig es doch ist mit seinem winzigen Stock und den großen Plänen.‘
Lars atmete erleichtert auf, als das Eichhörnchen keine Anzeichen von Aggression zeigte. Ein Plan formte sich in seinem Kopf: Wenn er das Vertrauen des Eichhörnchens gewinnen könnte, könnte es ihm sogar helfen, durch den Wald zu kommen – und vielleicht auch ein wenig zu essen abzubekommen.
Das Eichhörnchen verschwand im Gestrüpp. "Nein geh nicht." rief Lars, als das ponygroße Tier im Gebüsch mit der Nuss verschwand. Lars setzte sich auf einen Stein und war enttäuscht, dass das Tier nun doch geflohen war. Seufzend stand er auf und ging zurück in seine Schlafhöhle als plötzlich wieder ein Rascheln seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Glänzende schwarze Augen starrten in an. Das Eichhörnchen war wieder da. Aber anstatt einer Nuss trug es eine riesige frische Pommes in seinem Maul. Es ließ die Pommes vor Lars Füssen fallen.
Lars starrte verblüfft auf die Pommes, die vor ihm im Gras lag. Sie war für ihn so groß wie ein Brotlaib, goldbraun und frisch. Das Eichhörnchen musterte ihn zufrieden und schien auf eine Reaktion zu warten, als wolle es sagen: „Hier, das ist doch viel besser als eine Walnuss, oder?“
Lars lächelte vorsichtig und hob die Pommes auf. „Danke, mein Freund,“ sagte er, „das ist… wirklich nett von dir.“ Er biss ein Stück der Pommes ab und spürte sofort, wie der salzige, fettige Geschmack auf seiner Zunge zerging. „Mhmm… das ist ja köstlich!“ sagte er mit vollem Mund und nahm gleich noch einen Bissen.
Das Eichhörnchen setzte sich hin, putzte sich mit den Pfoten über die Ohren und schien regelrecht stolz auf seine großzügige Gabe. Lars merkte, dass er in diesem gewaltigen Botanischen Garten möglicherweise einen unerwarteten Verbündeten gefunden hatte. „Sag mal…“ begann Lars zögernd, „könntest du mir vielleicht noch ein bisschen mehr zeigen? Ich bin hier ziemlich verloren.“
Lars genoss seine Pommes nur das Ende, welches im Eichhörnchen Maul gewesen war, ließ er liegen, es war ein wenig voller Eichhörnchen Speichel. Das Tier legte den Kopf schief. Es verstand die Menschen nicht. Aber es konnte erkennen, dass Lars allein doch etwas hilflos war. Das Weibchen hatte diesen Sommer seinen letzten Wurf großgezogen und nun waren ihre Kinder selbstständig. Es vermisste es etwas sich um etwas kleines zu kümmern. Und Lars wie er so klein und hilflos vor ihm stand weckten seine Beschützerinstinkte. Es huschte um ihn herum und musterte ihn noch einmal. Dann hüpfte es in das Gebüsch zurück und wartete dieses Mal etwas sich umschauend, ob Lars ihm wohl folgen würde.
Lars blickte dem Eichhörnchen hinterher, das im Gebüsch verschwand, und fühlte einen Anflug von Hoffnung. Das Tier schien tatsächlich bereit, ihm zu helfen – auf seine ganz eigene, unverständliche Weise. Schnell schluckte er den letzten essbaren Bissen der Pommes hinunter, wischte sich die Hände an seiner Hose ab und folgte den Raschelgeräuschen.
Das Eichhörnchen warf ihm ab und zu Blicke über die Schulter zu, als wolle es sich vergewissern, dass er nicht den Anschluss verlor. Lars eilte hinterher, über Wurzeln und Steine stolpernd, während er sich fragte, was das Eichhörnchen ihm wohl zeigen wollte. Schon bald bemerkte er, dass sie auf eine kleine, offene Lichtung zusteuerten.
Hier schien der Botanische Garten eine Oase für allerlei pflanzliche Schätze zu sein: große Büsche voller saftiger Beeren, von denen einige für Lars wie riesige Kugeln wirkten, Blumen mit süßem Duft und sogar ein winziger, plätschernder Brunnen. Lars hielt überrascht inne. War das hier der sichere Unterschlupf, den das Eichhörnchen ihm zeigen wollte?
Das Eichhörnchen huschte mit dem Schweif zuckend einen Baum hinauf. Und verschwand in einem Astloch, um schließlich aus dem Loch hinaus nach Lars Ausschau zu halten. Lars blickte zu dem Tier hinauf. "Oh. Ist das etwa dein Zuhause?" "Iek. Iek." Erwiderte das Tier. Als ob es sagen wollte, dass Lars hinauskommen soll.
Lars grinste und sah zu dem Astloch hinauf, aus dem das Eichhörnchen ihm neugierig entgegenschaute. Es war eindeutig stolz auf sein Zuhause und schien zu überlegen, wie es den winzigen Menschen zu sich nach oben bringen könnte. Lars war jedoch nicht besonders begeistert von der Idee, einen Baum hochzuklettern, der für ihn wie ein hiesiges hölzernes Hochhaus vorkam.
„Du weißt schon, dass ich nicht so flink wie du bin, oder?“ rief Lars dem Eichhörnchen zu, während er nach einer Möglichkeit suchte, irgendwie hinaufzugelangen. Das Eichhörnchen schien seine Unsicherheit zu bemerken. Es huschte aus dem Astloch heraus, sprang auf einen niedrigeren Ast und schwang den Schweif in einem motivierenden Takt. Schließlich zog Lars seinen Mut zusammen und begann, sich langsam am Stamm hochzuziehen, wobei er seine Finger in die Ritzen der Groben Ringe versank um sich festzuhalten.
Mit wachsender Erschöpfung schaffte er es schließlich zu dem Astloch, wo ihn das Eichhörnchen mit einem erwartungsvollen „Iek!“ begrüßte. Drinnen war es warm und gemütlich; das Nest war sorgfältig mit Moos, Blättern und kleinen Ästchen ausgepolstert. Lars konnte nicht fassen, dass er hier oben war, mitten in einer Welt, die ihm für einen Moment wie eine Festung erschien.
Es war ein gemütliches Lager. Und es machte Lars glücklich, dass das Tier sein Heim mit ihm teilen wollte. Lars fand die Idee auch erst einmal nicht schlecht, bis er sich einen besseren Unterschlupf hergerichtet hatte. Es würde sicher einige Tage dauern um etwas wie eine Tür zum Schutz vor anderen Tieren wie Mäusen oder gar Ratten zu errichten. Die Erfahrung im Kanal steckte noch tief in seinen Knochen, von Ratten hatte Lars erst einmal genug.
Lars ließ sich vorsichtig in das weiche Moosbett des Eichhörnchens sinken und spürte, wie die Müdigkeit der letzten Tage von ihm abfiel. Es war ein seltsames Gefühl, ein warmes Versteck gefunden zu haben, dass ihn ein wenig vor der rauen Welt draußen schützen würde – zumindest bis er sich etwas Eigenes gebaut hatte.
Das Eichhörnchen legte sich zufrieden neben ihn, als wolle es wachen, und Lars seufzte leise vor Erleichterung. Der Gedanke an Ratten ließ ihn jedoch frösteln. Er erinnerte sich nur zu gut an die dunklen Kanäle und das scharrende Geräusch der Krallen, das ihn noch immer in Albträumen verfolgte. Nein, diesmal würde er sich besser vorbereiten, vielleicht eine kleine Tür aus Rindenstücken und Zweigen bauen, um sich nachts wirklich sicher zu fühlen.
Während er das Nest betrachtete und langsam Pläne für einen eigenen Unterschlupf schmiedete, bemerkte er, dass das Eichhörnchen ihm tatsächlich Gesellschaft leisten würde – zumindest für eine Weile. Es war vielleicht nicht genau das Abenteuer, das er sich vorgestellt hatte, aber mit einem so ungewöhnlichen Verbündeten fühlte er sich plötzlich nicht mehr ganz so verloren.
Lars schlüpfte aus dem Eichhörnchen Bau heraus und kletterte langsam aber diesmal etwas sicherer den hohen Baum herunter. Es war Zeit sich an die Arbeit zu machen. Er musste ganz von vorne anfangen. Kein Werkzeug und nicht einmal ein Messer hatte er bei sich. Er sagte sich. " Das wird ein schweres Stück Arbeit.
Lars schüttelte sich einmal kräftig und atmete tief ein. Die frische Luft und die Sonnenstrahlen, die durch die Baumkronen fielen, gaben ihm einen kleinen Energieschub. „Na gut,“ murmelte er zu sich selbst, „dann wird eben alles selbst gebaut. Ich bin doch nicht umsonst Wissenschaftler und Erfinder.“
Er kletterte vorsichtig am Stamm des Baums herunter und liess sich ins weiche Gras fallen. Während er über den Boden lief, suchte er mit geschärftem Blick nach allem, was ihm als Werkzeug dienen könnte. Ein stabiler, scharfer Stein würde vielleicht ein gutes Messer abgeben, und ein Stock könnte als Hammer oder Hebel nützlich sein. Abgebrochene Äste und ein paar dickere Rindenstücke, die sich vom Boden lösen ließen, wären ein Anfang.
Nach einer Weile entdeckte er einen glänzenden, flachen Stein, der scharf genug wirkte, um kleine Äste zu durchtrennen, und ein robustes Stück Eichenrinde, das er vielleicht als primitive Schaufel verwenden könnte. Lars nickte zufrieden. Schritt für Schritt würde er sich das aufbauen, was ihm fehlte. Das Eichhörnchen, das ihm neugierig gefolgt war, beobachtete ihn mit wachsamen Augen und hüpfte immer wieder um ihn herum.
Lars hielt kurz inne und blickte zu dem riesigen Tier hinüber. „Vielleicht wirst du ja mein Lehrmeister,“ scherzte er leise. Er hatte das Gefühl, dass das Leben im Botanischen Garten nicht so einsam werden würde, wie er ursprünglich befürchtet hatte.
Er begann damit seinen Unterschlupf auszubauen. Das Eichhörnchen Nest inspirierte ihn. Zuerst verschloss er sämtliche offenen Lücken mit Lehm und polsterte die Wände mit Moos und Gräsern aus. Aber in seiner neuen Behausung sollte es auch etwas Wärme geben. So musste er für seine Feuerstelle einen geeigneten Rauchabzug bauen. Eine Tür hatte er nun auch. Ein Stück Rinde konnte er in die Form der Höhlenöffnung bringen. Eine richtige Tür war es immer noch nicht, aber vorerst war es etwas. Es fehlte ihm noch Seil und vor allem Nägel. Er musste viel improvisieren. Zwischendurch versorgte ihn sein Freund mit allerlei menschlicher Nahrung. In der Nähe gab es einen Kiosk an dem man Pommes und Currywurst kaufen konnte. Obwohl es reichlich Früchte und Nüsse gab. So wusste das Tier, das dies Menschennahrung war. Der Tag neigte sich zum Ende. Seine neue Wohnung konnte er diese Nacht nicht benutzen da der Lehm noch feucht war und dies erst trocknen musste.
Als die Sonne langsam hinter den Baumkronen verschwand und der Himmel sich in ein sanftes Rosa und Orange tauchte, kletterte Lars erschöpft, aber zufrieden wieder in das warme Nest des Eichhörnchens. Er sah auf seine Hände, die voller Lehm, Moos und kleiner Schrammen waren, und lächelte stolz. Sein Unterschlupf war noch weit von perfekt entfernt, aber er konnte spüren, wie sich all die Mühe lohnte. Bald würde er einen Ort haben, den er sein eigenes kleines Zuhause nennen konnte.
Das Eichhörnchen hatte sich bereits gemütlich eingerollt und öffnete kurz ein Auge, als Lars hereinschlüpfte. Es wirkte ein wenig belustigt, aber auch zufrieden damit, ihm erneut Schutz zu gewähren. Lars nickte ihm dankbar zu und kuschelte sich in die warme Ecke des Nestes. Der Gedanke an das frische Moospolster und die provisorische Tür aus Rinde erfüllte ihn mit Zuversicht. Er plante, am nächsten Tag nach Material für Seile und vielleicht einer Methode zum Fixieren zu suchen – vielleicht Pflanzenfasern, die er zu Bändern flechten könnte.
Während er in den friedlichen Schlaf glitt, spürte er die Dankbarkeit und das Glück, das ihm die Freundschaft des Eichhörnchens schenkte. Sein Abenteuer mochte zwar ganz anders sein als das Leben, das er bisher gekannt hatte, aber das Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit ließ ihn voller Hoffnung aufwachen, bereit für den nächsten Tag und die Herausforderungen, die er mit seinem neuen Freund an seiner Seite meistern würde.
Während Lars in seinem neuen, selbstgestalteten Leben Ruhe fand, dachte er über seine Vergangenheit und das ständige Konkurrenzdenken nach, das seine Firma geschürt hatte. Hier, fernab von all dem Druck, konnte er endlich sein eigenes Tempo bestimmen. Kein Chef, der ihm ständig über die Schulter blickte, keine Erwartungen, die ihn in enge Bahnen zwangen – er fühlte sich zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich frei.
Doch Finn ging ihm nicht aus dem Kopf. Er hatte Finn vielleicht falsch eingeschätzt. Waren sie beide nur Opfer der Firmenpolitik gewesen? „Ich hoffe, er hat es geschafft, sich wieder groß zu machen,“ murmelte Lars, während er das Eichhörnchen beobachtete, das friedlich neben ihm schnarchte. Er verspürte fast den Drang, Finn irgendwann von seinem Abenteuer zu erzählen und ihm zu zeigen, wie befreiend es sein konnte, einfach nur man selbst zu sein.
Mit einem Lächeln schloss Lars die Augen. Morgen würde ein neuer Tag voller Arbeit und Entdeckungen warten – und diesmal ganz ohne Konkurrenz.
Diese Nacht schlief er wie ein Stein. Er verschlief sogar den ganzen Morgen und wachte erst um 10 Uhr am Vormittag auf. Die Sonne funkelte durch das Blätterdach und weckte ihn sanft mit seinen warmen flackernden Strahlen. Lars hatte zum Glück eine gold-blaue mechanische Omega-Armbanduhr, sie würde nie eine neue Batterie brauchen. Auch wenn er kein Werkzeug bei sich hatte, so trug er seinen nun auch winzigen kleinen schwarz-goldenen Montblanc Füller und ein kleines Notizbuch in seiner Brusttasche. Sein Geldbeutel hatte er immer in seiner Hosentasche. Das Geld darin. Nun winzig war wertlos. Genau wie seine Kreditkarten.
Sein neues Haus war innen noch feucht. Es würde noch mindestens eine Nacht brauchen, um komplett durchgetrocknet zu sein.
Nach einer erholsamen Nacht rutschte Lars den Baumstamm hinunter und machte sich auf den Weg zum Fluss. Die Sonne funkelte warm durch das Blätterdach, und der leichte Morgenduft weckte seine Sinne. Am Fluss angekommen, schöpfte er Wasser mit den Händen und spritzte es sich ins Gesicht – eine kleine Erfrischung, die ihm half, wach zu werden. Dann zog er seine Sachen aus und begann, sie im klaren Wasser vorsichtig auszuwaschen.
Während seine Kleidung in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet war, setzte er sich an den Rand des Flusses und nahm seinen Füller und das Notizbuch heraus. Auch ohne Zugang zu seiner alten Werkstatt hatte er plötzlich eine Vielzahl an Ideen, die er aufschreiben wollte – Konzepte für Werkzeuge aus Naturmaterialien, Pläne für den Ausbau seines Unterschlupfs und sogar Gedanken darüber, wie er vielleicht einmal wieder mit Finn sprechen könnte, wenn sich die Gelegenheit ergab.
Heute war ein ruhigerer Tag. Die Zeit, die seine neue kleine Höhlenwohnung und auch seine Klamotten zum Trocknen brauchten, nutzte er um weitere Ideen zu sammeln.
Lars blätterte durch sein kleines Notizbuch, das bereits die ersten Skizzen und Gedanken seines neuen Lebens enthielt. Obwohl der Platz begrenzt war, sammelte er akribisch jede Idee, die ihm einfiel, um längerfristig kreativ und unabhängig zu bleiben. Er skizzierte, wie er altes Papier wieder aufbereiten könnte, indem er es zurechtschnitt und mit Fäden zu neuen kleinen Heftchen zusammenbinden konnte. Die Vorstellung, bald wieder leere Seiten zur Verfügung zu haben, erfüllte ihn mit Freude.
Auch über Tinte dachte er nach. Er erinnerte sich daran, wie man aus zerdrückten Beeren, etwas Ruß und Wasser eine primitive, aber brauchbare Tinte mischen konnte. Seine Gedanken schweiften ab zu weiteren Schreibprojekten – vielleicht konnte er sogar Tagebuch führen, um all seine Erlebnisse festzuhalten. Der heutige, ruhige Tag war die perfekte Gelegenheit, Pläne zu schmieden und all das Wissen zu sammeln, das ihm half, sich in seiner neuen Welt ein Stück vertrauter und selbstständiger zu fühlen.
Mit wachsender Begeisterung und Sorgfalt sammelte Lars in den folgenden Tagen alles, was er für seine Pläne benötigte. Die kleinen Eichengallen und das alte Eisen aus von verrosteten Nägeln, die er in einem Mülleimer fand, nutzte er, um eine kräftige Eisengallustinte herzustellen. Seine neue schwarze Tinte funktionierte überraschend gut mit dem Füller, und er genoss es, seine Ideen und Beobachtungen nun mit einer selbstgemachten Tinte festhalten zu können.
Jeden Tag fand er ein neues Stück Papier, das ihm als wertvolle Schreibfläche diente, und die Mülleimer im Botanischen Garten wurden zu kleinen Schatzkisten, die ihm oft hochwertige Funde bescherten. Lars nutzte auch die gewonnenen Materialien, um Seile zu weben und schließlich eine stabile Tür zu bauen, die er von innen sicher verschließen konnte. Die Tür verlieh seinem Unterschlupf ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit, und es begann sich wirklich wie ein Zuhause anzufühlen.
Obwohl seine kleine Höhle noch karg eingerichtet war, konnte er sich lebhaft vorstellen, wie er nach und nach Möbelstücke oder Dekorationen hinzufügen würde. Es fehlten zwar noch Dinge wie ein gemütlicher Platz zum Sitzen oder eine Ablagefläche, doch Lars hatte nun die Freiheit, seine Wohnhöhle Stück für Stück nach seinen Vorstellungen zu gestalten.
Die Zeit verging. Jeden Tag hatte Lars ein neues Projekt. Er schrieb Tagebücher und dokumentierte alles in seinen selbst gemachten Büchlein. Er hatte sich bereits einen Schreibtisch mit Stuhl gebaut und war gerade dabei ein schönes Bücherregal zu entwerfen. Als plötzlich sein Freund das Eichhörnchen vor seiner Tür quiekte. Es hörte sich verängstigt wie ein Hilferuf an.
Lars sprang auf, ließ Füller und Notizbuch auf seinem kleinen Schreibtisch liegen und eilte zur Tür. Sein Herz klopfte schneller, als er das besorgte Quieken des Eichhörnchens hörte. Kaum hatte er die Tür geöffnet, sah er seinen Freund aufgeregt hin und her huschen, der Schwanz aufgestellt und die kleinen Augen weit aufgerissen. Irgendetwas stimmte nicht.
„Was ist los, Kleiner? Zeig mir, was passiert ist,“ fragte Lars besorgt und folgte dem Eichhörnchen, das sofort in Richtung eines nahen Gebüschs sprang. Es führte ihn durch den botanischen Garten, über kleine Pfade und unter tiefhängenden Ästen hindurch, bis sie schließlich zu einem Baumstumpf kamen, der von Menschen weggeworfenes Plastik und Müll umgeben war.
Inmitten dieses Durcheinanders sah Lars den Grund für das aufgeregte Verhalten des Eichhörnchens: Ein Jungtier, viel kleiner als sein Freund, war in einem Netz aus weggeworfenen Plastikschnüren gefangen und konnte sich kaum bewegen. Das kleine Geschöpf kämpfte panisch, und Lars fühlte, wie seine Entschlossenheit wuchs. Er hatte keine richtigen Werkzeuge, doch das hielt ihn nicht auf. Mit ruhiger Stimme näherte er sich und sprach leise auf das Eichhörnchenjungtier ein, während er begann, die Schnüre vorsichtig zu lösen.
Nach einer Weile befreite er das kleine Tier vollständig, das sichtlich erleichtert zu seiner Mutter rannte, die Lars mit einem dankbaren Blick ansah. Das ältere Eichhörnchen klopfte Lars mit dem Schwanz freundlich gegen den Arm, als wollte es ihm stillen Dank ausdrücken. Lars lächelte erschöpft und glücklich. Für einen Moment war ihm klar, dass er vielleicht mehr Freunde hatte, als er jemals gedacht hätte.
Lars hatte sich bei der Rettungsaktion weiter in den öffentlichen Bereich getraut als ihm lieb war. Der Baumstumpf war gut von den Gehwegen einsehbar. Hastig schaute er sich um als er ein paar Jugendliche sah, die die Aktion wohl mit dem Handy aufgenommen hatten. Sein Herz rutsche ihm in die Hose. "Oh nein." Einer sprintet auf Lars los um ihn einzufangen.
Lars spürte, wie ihm das Herz in die Hose rutschte. Seine Gedanken rasten – wenn er gefangen würde, war sein kleines Geheimnis in Gefahr, und wer weiß, was diese Jugendlichen mit ihm vorhatten! Das Eichhörnchen neben ihm schien die drohende Gefahr ebenfalls zu spüren und quiekte aufgeregt.
Ohne eine Sekunde zu verlieren, drehte Lars sich um und rannte zurück in Richtung des dichten Gebüschs, das er gerade erst durchquert hatte. Doch die Schritte des Jugendlichen kamen immer näher, und er konnte förmlich spüren, wie die Augen der anderen ihm folgten, während sie ihre Handys gezückt hielten.
„Schneller, schneller!“, murmelte er und hechtete unter einen niedrigen Ast, wo das Eichhörnchen, als wollte es ihn beschützen, plötzlich auf die Jugendlichen zu raste, den Schwanz buschig aufgestellt und die Augen blitzend vor Entschlossenheit. Das Tier lenkte sie für einen kurzen Moment ab, gerade lange genug, damit Lars ins Unterholz schlüpfen konnte.
Er hetzte weiter, abseits der breiten Wege, bis die Geräusche der Verfolger langsam abklangen. Sein Herz klopfte noch wild, als er sich endlich an einer sicheren Stelle niederließ. Er atmete tief durch und dankte in Gedanken seinem treuen Eichhörnchen Freund.
Lars setzte sich schwer atmend auf einen Moosfleck und versuchte, die Panik zu verdrängen, die in ihm aufstieg. Die Vorstellung, wie sein Gesicht und seine Existenz bald in den sozialen Medien kursieren könnten, ließ ihn erschaudern. Er stellte sich die Menschenmengen vor, die kommen würden, um ihn wie ein kurioses Wunder zu sehen. Die Vorstellung, seine neu gewonnene Freiheit und Anonymität aufgeben zu müssen, schnürte ihm die Kehle zu.
Er schaute zu seinem Eichhörnchen Freund, das ihn aus sicherer Entfernung beobachtete, als ob er Lars' Unruhe verstehen könnte. Hier draußen, in seiner winzigen Welt, hatte Lars endlich das Gefühl, wirklich er selbst sein zu können. Er wollte dieses Leben nicht gegen die Aufmerksamkeit oder das Staunen der Welt eintauschen.
Doch er wusste, dass er handeln musste. Lars beschloss, noch tiefer in den botanischen Garten vorzudringen und vielleicht ein noch abgelegeneres Versteck zu finden. Gleichzeitig musste er einen Plan entwickeln, wie er es schaffen konnte, für die Welt wieder unsichtbar zu werden – ein kleines Geheimnis, das niemand wirklich verstehen oder beweisen konnte.
Lars atmete erleichtert auf, dass er nicht in Richtung seiner Wohnhöhle geflohen war. Seine aktuelle Bleibe war zwar gemütlich, aber er wusste, dass sie für die bevorstehenden kalten Monate nicht ausreichen würde. Die Wände der Höhle im Steinhaufen waren zugig, und selbst mit einer kleinen Feuerstelle würde es schwer werden, die Kälte des Winters abzuwehren. Auch hatte er draußen keine Chance, seine Kleidung trocken zu bekommen, wenn der Herbstregen einmal begann.
Das Gewächshaus erschien ihm als der ideale Ort für ein neues Versteck. Die Temperaturen darin waren milder, und zwischen den hohen Pflanzen und dicht bewachsenen Ecken würde er genügend Schutz und Versteckmöglichkeiten finden. Lars war entschlossen, sich dort eine Art Winterquartier einzurichten. Vielleicht konnte er auch Material sammeln, um eine stabilere und wärmere Unterkunft zu bauen.
Doch bevor er das angehen konnte, musste er sein auffälliges Outfit überdenken. Sein kariertes Hemd und das braune Jackett waren einfach zu leicht wiederzuerkennen. Außerdem brauchte er unbedingt Schuhe, die für kälteres Wetter geeignet waren – seine Barfußschuhe waren zwar bequem und funktional, aber kaum warm genug für den Winter.
Lars machte sich auf den Weg zum Gewächshaus, in der Hoffnung, unentdeckt dorthin zu gelangen und erste Vorbereitungen für seinen neuen Unterschlupf zu treffen.
Lars schlich vorsichtig zwischen den schattigen Sträuchern und Bäumen hindurch, die zum Gewächshaus führten. Die Ruhe im Park war spürbar, da die meisten Besucher längst gegangen waren und die Gärtner ihren Feierabend angetreten hatten. Der Abendwind ließ die Blätter leise rascheln, und Lars fühlte sich so frei und unbemerkt wie selten.
Als er das große Gewächshaus erreichte, suchte er geduldig nach einer kleinen Lücke oder einem Spalt, durch den er hineinschlüpfen konnte. Nach ein paar Minuten entdeckte er einen winzigen Spalt an der Basis eines Fensters. Mit einer Mischung aus Spannung und Vorsicht zwängte er sich hindurch und landete auf dem warmen, festen Boden des Gewächshauses.
Im Inneren umfing ihn ein angenehmes, feuchtes Klima. Dichte Pflanzen und rankende Gewächse boten ihm viele mögliche Verstecke und auch genug Material, um sein kleines Winterquartier auszubauen. Begeistert ging Lars tiefer hinein und begann, erste Pläne zu schmieden, wie er hier vielleicht ungestört überwintern könnte.
Lars war beeindruckt von der Vielfalt der Gewächshäuser. Der gesamte Bereich war ein verwobenes Netz verschiedener Klimazonen und exotischer Pflanzen, die ihm wie eine andere Welt erschienen. Es gab Regenwaldbereiche, Wüsten und mediterrane Bereiche. Jeder Schritt brachte ihn tiefer in fremde Landschaften, und er fühlte sich für einen Moment wie ein Entdecker, der unbekannte Territorien erkundet. Lars hatte sich früher als großer Mensch selten Zeit genommen sich die Schönheiten der Natur anzusehen. Aber nun da er selbst so winzig in dieser großen Welt war, kamen ihm die riesigen Pflanzen noch exotischer und faszinierende vor als je zuvor.
Schließlich erreichte er den mediterranen Bereich, wo das Klima angenehm warm und trocken war. Die Luft roch nach Kräutern und Erde, und der Olivenbaum, der sich in einem versteckten Winkel des Gewächshauses erhob, zog ihn magisch an. Das dichte Blätterdach und die knorrigen Äste schufen eine natürliche Höhle, die ihn sofort an einen sicheren Unterschlupf denken ließ.
Lars’ Blick schweifte umher, und er entdeckte einen Bereich, der für Besucher abgesperrt war und von der Überwachung ungesehen blieb. Hier war es ruhig und schien genau der richtige Ort für ein Winterquartier, das ihm Schutz vor neugierigen Blicken bieten würde. Er lächelte zufrieden, kletterte ein Stück auf den Olivenbaum und begann, in Gedanken seine Pläne zu schmieden.
Lars setzte sich an den Rand der Asthöhle, zog sein Notizbuch hervor und notierte mit sorgfältigen Buchstaben:
Vorbereitung für den Winter:
- Neues Winterquartier einrichten
- Schutz vor Kälte verstärken
- Feuerstelle bauen
- Vorräte anlegen: Nüsse, Beeren, getrocknetes Brot
- Wasserstelle in der Nähe finden
- Winterklamotten und Schuhe herstellen
Während er über seine Liste nachdachte, wanderte sein Blick über das mediterrane Gewächshaus. Der Gedanke, sich hier einzurichten, ließ ihn hoffnungsvoll lächeln.
Lars beendete seine Liste und dachte ernsthaft darüber nach, wie er seine Bekanntheit im Auge behalten könnte. Wenn das Video der Jugendlichen viral ging, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis ihm jemand auf die Schliche kam – und das wollte er unbedingt vermeiden. Während er seine Notizen durchging, fiel sein Blick auf eine Tür im Gewächshaus, die in einen kleinen angrenzenden Büroraum führte.
„Dort könnte ein Computer sein“, murmelte er zu sich selbst, und sein Herz klopfte schneller. Ein riskanter Plan formte sich in seinem Kopf: Er könnte in dem Büro nachsehen, ob es einen PC gab und vielleicht kurz das Internet überprüfen, um zu sehen, ob sein Video bereits die Runde machte. Vorsichtig schlich er in Richtung der Tür und lauschte, ob noch jemand im Gebäude war.
Lars ging zu der Türe und starrte dem für ihn massiven Monument hinauf. Sie war verschlossen und bot leider auch keine Lücke, um unten oder an den Seiten hin durchzuschlüpfen.
Lars überlegte. So winzig und leicht, wie er war konnte er nur hoffen, dass er den Türgriff betätigen konnte. Er wusste das Finn im gesagt hatte, dass die Maschine ihn auf ein Zehntel seiner ursprünglichen Größe geschrumpft hatte. Das machte ihn um ein tausendfaches leichter als zuvor. Er schätzte, dass er nun so um die neunzig Gramm wiegen würde. Und auch aus seiner eigenen Erfahrung, als er Finn in seiner Hand hielt, konnte er spüren, wie hilflos und leicht Finn sich in seiner Hand angefühlt hatte. Aber ihm war auch aufgefallen, dass Finn im Verhältnis sehr stark zu sein schien. Er musste schon merklich Kraft in den Händen mobilisieren, um Finn in der Faust festhalten zu können.
Vielleicht war das die Lösung. In seiner kleinen Form war Lars Muskelkraft viel stärker als sein reines Gewicht. Lars hatte durch das Leben im botanischen Garten und durch die Anstrengungen sogar etwas Gewicht verloren, was ihn aber wenig kümmerte, da er sowieso vor hatte etwas abzunehmen. Aber durch die ganze Bewegung hatte er auch merklich an Muskelkraft aufgebaut.
Lars sah sich um und stellte fest, dass die Gärtner bei ihren letzten Arbeiten eine ganze Rolle Schnur zurückgelassen hatten. Er schnappte sich ein Ende und kletterte an einem Busch hoch der direkt neben der Tür wuchs. Er war mittlerweile recht gut im Klettern geworden und hatte seinem Eichhörnchen Freund etwas an Tricks und Kniffen abschauen können. Die dünnen Ästchen des Busches boten wenig halt und bogen sich unter seinem Gewicht, aber er zog sich weiter hoch und schaffte es schließlich auf Höhe des Türgriffes zu kommen. Er schwang mit dem dünnen Ast in die Nähe des Griffes und hielt sich daran fest. „Geschafft.“ Er befestigte den Strick an dem Türgriff und ließ sich an dem Strick herunter gleiten.
Zuerst probierte er nur durch sein Gewicht die Türklinke mit ruck artigen Bewegungen herunterzuziehen. Aber außer ein paar knackenden Geräuschen brachte es nichts. Er schaute sich um und sah eine hervorstehende Wurzel. Er zog das Seil darunter in einer Schleife durch. Machte einen Knoten und legte die entstandene Schlaufe um seine Schulter. Nun drückte der mit ganzer Kraft das Seil nach oben und damit den Türgriff nach unten. Es reichte noch nicht ganz und Lars stieg auf die Wurzel, um sich etwas grösser zu machen, während das Seil in seine Schulter einschnitt. Plötzlich ertönte ein für ihn ohrenbetäubenden mechanischen Knall und die schwere Tür sprang auf.
Lars rieb sich erleichtert seufzend die Schulter und freute sich über seinen Erfolg. Sein kleiner Körper brannte vor Anstrengung aber ein Gefühl des Erfolgs durchfloss ihn. Wie konnte so etwas einfaches wie eine Tür zu öffnen zu so viel Genugtuung führen? Ihm gefiel sein kleines Leben immer mehr. Er zog das Seil vom Türgriff herunter, löste alle Knoten und wickelte sich einen beträchtlichen Teil ab. Das war sehr gutes Seil und er konnte so etwas sehr gut gebrauchen. Mit seinem selbstgebauten Steinmesser Schnitt er sich sein Stück ab.
Er ging in das Büro und schaute sich um. Tatsächlich stand da ein PC. Er war etwas schmutzig aber trotzdem noch recht neu.
Er fasste sich ein Herz, nahm Anlauf und sprang auf einen Karton. Von da aus weiter auf die Sitzfläche des Bürostuhls. Dann zog er sich an der Armlehne des Stuhls hoch und richtete sich dort auf. Von dort aus Schritt er fast schon erhaben auf die Tischoberfläche.
Der PC war heruntergefahren. Er drückte den Einschalter in der Front des PCs, der auf dem Tisch stand. Der Rechner sprang an und zeigte den Bootvorgang am mächtigen Bildschirm an. Windows startete und schließlich kam die Passwortabfrage. Lars überlegte kurz und schaute sich um. Oft hatte er sich mit seinen Kollegen gestritten, weil sie ihr Passwort irgendwo in der Nähe des Rechners aufgeschrieben hatten. Nun könnte dies ihm aber helfen. Er sah keinen Zettel oder einen Aufkleber. Er ging an die Seite der Tastatur und hob sie hoch. Sie war leichter als er dachte. Darunter kam ein Zettel zum Vorschein. „Landschaftsbau1234$. Haha! Chapeau!“ sagte er triumphierend zu sich selbst.
Nun beugte er sich vor und begann mit der Eingabe des Passworts. Es wirkte fast wie ein Twister Spiel aus seiner Kindheit. Es gab eine Spielmatte, bei der man Hand und Fuß auf bestimmte Farbpunkte setzen musste. So fühlte sich nun das „Tippen“ auf dieser riesigen Tastatur für Lars an. Beim ersten Versuch hatte er sich vertippt aber beim zweiten Mal erschien auch schon das Willkommensfenster. Er ging zur Maus und navigierte sie auf den Browser. Das Doppelklicken brauchte ebenfalls ein paar Anläufe. Er öffnete die Suche und gab beschwerlich weitere Suchbegriffe ein. ‚Zwerg rettet Eichhörnchen‘. Nichts. Er suchte auf anderen Plattformen wie Youtube oder Tiktok.
Nach langer Suche, es war Draußen bereits dunkel fand er schließlich das Video. Sie hatten es auf Instagram hochgeladen. Noch hatte es nicht viele Aufrufe. Er sah, dass die Jugendlichen das Eichhörnchen Kind schon lange vorher gefilmt hatten. Das machte ihn wütend. Es war mittlerweile so eine Art Hype im Internet, dass Leute arme Tiere in schlimme Situationen brachten, nur um sich dabei zu filmen, wie sie es retten würden. Wut stieg in ihm hoch. Dann sah er sich selbst wie er aus dem Gebüsch gesprungen kam und zu dem armen Tier eilte. Im fiel auf, dass er sich nicht umgeschaut hatte, bevor er die Szene betrat. Er musste hier wirklich vorsichtiger sein. Es war ernüchternd, wie klein und hilflos er aus dieser Perspektive wirkte. Nach all den Erfolgserlebnissen holte ihn das jetzt ein wenig in seine Realität zurück. Dann plötzlich drehte sich Lars in dem Video um und sein Gesicht war zu erkennen. „Oh nein!“
Er stoppte das Video und er sah auch, dass er nun ganz anders aussah als zuvor. Seine silbrig glänzenden Haare waren struppig. Er hatte einen Bart bekommen. Sonst hatte er nie einen Bart getragen. Lars war erst so um die 40, aber er hatte früh graue Haare bekommen. Das lag wohl in seiner Familie. Aber in dem Video sahen seine Haare dunkel aus, wohl wegen des Lichts oder dem ganzen Schmutz. Er hatte durch den Sturm ins Dickicht schwarze Schmutzflecken im Gesicht die wie Tarnfarbe wirkten. Und er hatte wirklich massiv an Gesicht abgenommen. Sein einst rundliches Gesicht war nun kantiger und er sah reifer aus. Er verglich das Bild mit dem in seinem eigenen Instagramm Account. Nein. Das war nicht mehr er. Er sah nun komplett anders aus. Der Vergleich zu seinen Urlaubsfotos an den Malediven mit dem Bier in der Hand im blauen Wasser stehend grinsend und seinem glattrasierten Gesicht mit Bierbauch und er selbst jetzt ein wenig, wie ein kleiner Obdachloser wirkte. Er pflegte sich zwar so gut er konnte aber manche Dinge hinterließen eben ihre Spuren. In den 7 Wochen in der er so klein auf sich gestellt war hatte er sich stark verändert.
Das Experiment mit dem Schrumpfmaschine war zwar auch in der Firma geheim. Nur wenige wussten in seiner Abteilung Bescheid. Aber wenn das Video rauskommen würde, könnten die wenigen eins und eins zusammenzählen. Er hatte Angst. Wenn auch seine Familie ihn nicht erkennen würde so würde sein ehemaliger Chef es können und er würde auf die Suche nach ihm gehen. Er konnte also nicht mit seinem echten Account die Jugendlichen anschreiben. Einmal im Internet schafft man es in der Regel nicht mehr ein Video wieder zu entfernen. Also nutzte er einen seiner Zweitaccounts. Er begann zu schreiben. Es sah fast aus wie ein Tanz wie er mit Händen und Füssen über die Tastatur sprang. Ab einem gewissen Punkt hatte er den Kniff raus und wurde sogar recht schnell beim Schreiben.
„Eure Videos zeigen sowieso nur wie ihr Tiere quält nur um sie selbst zu retten. Ihr solltet euch Löschen!“
Lars hatte Kontakte im Internet und auch das Darknet war im nicht unbekannt. So engagierte er in einem Forum einen Hacker den er mit Kryptowährung bezahlte, um die Jugendlichen zu denunzieren und dafür zu sorgen, dass das Video nicht weiter in Umlauf geriet. Gesagt getan. „Da dann viel Glück. Ihr Spinner!“ sagte er zu sich triumphierend. Während er den Browserverlauf löschte.
Mittlerweile war es mitten in der Nacht, als sich Lars auf den Nachhauseweg machte. Er hatte kein Licht, also beschloss er die Nacht im Gewächshaus zu verbringen. Es war sehr dunkel. Und es war schwer den Weg zum Olivenbaum zu finden. Er kletterte, mehr tastend als sehend den Baum hinauf und legte sich in das Astloch. Es war hart schmutzig und ungemütlich, es würde einiges an Arbeit kosten diesen Ort vernünftig herzurichten.
Lars lag in seinem Astloch, während die Dunkelheit des botanischen Gartens ihn umfing. Die stille, warme Luft im Gewächshaus, die normalerweise friedlich auf ihn wirkte, fühlte sich plötzlich beklemmend an. Seine Gedanken wanderten immer wieder zurück zu den Jugendlichen und dem Video, das fast seine Freiheit bedroht hatte. In all den Jahren hätte er niemals geglaubt, dass er einmal seine Anonymität so ernsthaft verteidigen müsste – vor allem nicht in dieser neuen, winzigen Existenz.
Er erinnerte sich an die Worte, die er im Internet verbreitet hatte, und hoffte, dass der Hacker seine Arbeit erledigen würde. Aber konnte er wirklich sicher sein, dass das Video endgültig verschwinden würde? Würden die Jugendlichen aufgeben, oder würden sie zurückkommen, vielleicht sogar mit noch größerem Interesse? Diese Gedanken ließen ihn wach liegen.
Nach einer Weile atmete er tief durch und schüttelte die Sorgen ab, so gut es ging. Schließlich hatte er sich bisher immer wieder aus brenzligen Situationen herausgekämpft – sei es durch Cleverness oder Durchhaltevermögen. Und das würde er auch jetzt schaffen. Doch seine Welt, die er sich so liebevoll im botanischen Garten aufgebaut hatte, fühlte sich nun nicht mehr ganz so sicher an wie vorher.
„Morgen wird alles anders aussehen“, murmelte er leise und schloss die Augen, entschlossen, den nächsten Tag für den Ausbau seines Winterquartiers zu nutzen und zu einem besseren Versteck zu machen.
Lars hatte in der Nacht nicht viel geschlafen. Er streckte sich und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Hier im Gewächshaus waren die Nächte nicht so kalt und die Morgenstunden waren trocken im Gegensatz zu seinem Unterschlupf draußen. Ideal um hier ein Quartier aufzubauen. Lars musste sich aber beeilen um noch vor Schichtbeginn der Gärtner aus dem Gewächshaus raus zu kommen. Es war bereits halb sieben. Die ersten kamen meist um 7 Uhr. Er huschte hinaus und machte sich an die Arbeit.
Es war viel zu tun. Er musste sich neue Kleidung nähen. Die Nahrungssuche war auch wichtiger geworden, da der Park an einigen Tagen geschlossen hatte und damit natürlich auch die Kioske. Er musste sich zumindest für diese Zeit einen kleinen Vorrat anlegen. Das Astloch in dem Olivenbaum war nicht so geräumig und gemütlich wie seine Höhle in den Steinen, aber es sollte für die kälteste Zeit ausreichen und im Notfall auch als Ausweichort gute Dienste leisten. Gegen Nachmittag saß Lars bei seiner Höhle und aß ein Stück Kuchen das er neben einem Mülleimer gefunden hatte. Als er plötzlich Stimmen hörte. "Ey, du kleiner Hu*#~%$! Wir wissen, dass du hier irgendwo bist!" "Komm gefälligst raus."
Lars schreckte zusammen. Sie hatten bemerkt, dass Lars selbst hinter den Hackerattacken steckte. Insgeheim freute er sich, dass seine Attacken erfolgreich waren. Aber er hatte sich jetzt auch Feinde gemacht. Er zog sich weiter ins Dickicht zurück. Die beiden konnten ihn im ganzen Park suchen so viel sie wollten und würden ihn nicht finden. Auf ca. 60 Hektar sollten sie erstmal ein kleines Kerlchen wie ihn entdecken. Er schmunzelte in sich hinein und das nächste Stück Kuchen schmeckte ihm noch ein Stückchen besser.
Trotzdem nagte ein kleiner Funken Unbehagen an ihm. Die Jugendlichen hatten vielleicht keine Ahnung, was wirklich hinter seiner Verwandlung steckte, aber ihre Aggressionen waren real und zielten direkt auf ihn. "Jetzt heißt es clever bleiben," dachte Lars, "und sich vor allem nicht erwischen lassen."
Mit diesen Gedanken zog er sich weiter ins Gebüsch zurück und überlegte, wie er seine Verstecke noch besser sichern könnte. Die Höhle im Steinhaufen war immer noch der beste Ort für den Tag, aber das Astloch im Olivenbaum, das ihm nun nachts Schutz bot, brauchte dringend mehr Tarnung.
Er nahm sich vor, zusätzlich zu seiner Kleidung und den Vorräten nun auch einige seiner Verstecke sorgfältig zu tarnen – Äste, Blätter, Moos und kleine Steine könnten ihm dabei helfen. "Sie werden sich die Zähne an mir ausbeißen," murmelte er entschlossen und verschwand tiefer im Gebüsch, bereit, seinen Plan in die Tat umzusetzen.
Lars war jetzt bestens vorbereitet, um seine Umgebung abzusichern und den Herbst- und Winteranforderungen gerecht zu werden. Das Seil ermöglichte ihm nun besser seinen Sichtschutz auszubauen. Mit der zusätzlichen Tarnung und wärmerem Material wollte er sich an die kälteren Monate anpassen.
Zusätzlich war das parkinterne Fundbüro war für ihn eine verheißungsvolle Idee, da es vermutlich verlorene oder vergessene Kleidungsstücke enthielt, aus denen er Flicken für neue Kleidung oder improvisierte Decken gewinnen konnte. Allmählich nahm sein Plan Form an.
Lars spürte die Dringlichkeit der bevorstehenden kalten Jahreszeit immer mehr und wusste, dass seine momentane Ausrüstung nicht ausreichen würde. Die Temperaturen fielen nachts bereits merklich, und auch die Sonne verlor allmählich ihre wärmende Kraft. Während seine bisherigen Projekte sich um die Tarnung und Verteidigung drehten, erkannte er jetzt, dass eine zusätzliche, robuste Winterkleidung und ein sicherer Unterschlupf genauso, wenn nicht sogar noch wichtiger waren.
Mit dem Seil hatte er bereits einfachen Sichtschutz gespannt und Äste sowie Blätter so arrangiert, dass er von Spaziergängern und neugierigen Augen weitgehend abgeschirmt war. Doch sein kariertes Hemd und die dünne Jeans wirkten in dieser Umgebung alles andere als unauffällig, und sie waren zu dünn, um ihn in den kältesten Nächten ausreichend zu wärmen. Seine Schuhe waren ihm bisher treue Begleiter gewesen, doch er wusste, dass sie für den Winter nicht isolierend genug sein würden.
Das Fundbüro im botanischen Garten versprach eine gute Quelle für sein Vorhaben zu sein. Lars plante, sich dort nützliches Material wie Stoffreste oder sogar kleine, verlorene Accessoires zu beschaffen, aus denen er improvisierte Kleidung oder wärmende Lagen zusammenstellen könnte. Es würde ihm nicht schwerfallen, sich im Fundbüro umzusehen, wenn er unentdeckt hineingelangen könnte. Im Park waren oft Mützen, Handschuhe und vielleicht sogar Tücher zurückgelassen worden, die niemand vermisste und die für ihn von unschätzbarem Wert waren.
Die größte Herausforderung war jedoch, wie er sich Zugang verschaffen sollte. Das Fundbüro war in einem kleinen Häuschen untergebracht, dessen Tür meist verschlossen war, wenn kein Mitarbeiter des Parks anwesend war. Vielleicht ließe sich eine Schwachstelle im Fensterrahmen finden, oder er könnte einen abendlichen Zeitpunkt nutzen, wenn das Häuschen leer stand und er sich ungesehen hineinwagen konnte.
Lars merkte, dass ihn die vergangenen Wochen härter gemacht hatten. Wo er zuvor als bequemer Büroangestellter gegolten hatte, war er nun ein kleiner Überlebenskünstler geworden. Mit geschärftem Blick und einer Prise Abenteuerlust schlich er durch die Bäume des botanischen Gartens und beobachtete das Fundbüro aus sicherer Entfernung. Ein Plan nahm allmählich Form an, und er spürte die Aufregung darüber, welche Schätze er dort wohl finden würde, wenn alles klappte.








