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Die Frage, wie du leben willst

Daily Deviation
sacredZinja's avatar
By sacredZinja   |   
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Der Sekundenzeiger erreichte die Zwölf. Mit einem leisen Klicken sprang der Minutenzeiger weiter. 14:53. Sie hatte eine volle Stunde gewartet. Ihre Mutter lag auf dem Bett, in Decken verhüllt, und hatte sich die ganze Stunde nicht gerührt. Nicht einmal ein Stöhnen.
Sie stand zitternd auf, ging in den Flur und nahm das Telefon von der Wand. 112.

„Sie haben den Notruf gewählt. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich glaube, meine Mutter ist tot.“
„Oh, Schätzchen… sagst du mir deinen Namen und wo du wohnst?“
„Linda Schierer. Postelweg 7.“
„In Ordnung, Linda. Ich schicke dir jemanden. Sagst du mir, was mit deiner Mutter ist?“
„Sie ist ganz krank, und seit einer Stunde hat sie sich nicht mehr bewegt.“
„Linda. Ich möchte, dass du wartest, bis der Rettungsdienst kommt. Denkst du, du kannst ihnen die Tür öffnen, wenn sie da sind?“
„Ja.“
„Wo bist du jetzt gerade?“
„Im Flur.“
„Und deine Mutter?“
„In ihrem Schlafzimmer.“
„Ist noch jemand anders bei dir?“
„Nein.“
„Gut, Linda. Am besten, du gehst in die Küche, und holst dir ein Glas Wasser. Die Retter sind schon auf dem Weg und bald bei dir. In Ordnung?“
„Ja.“

Linda legte auf. Sie ging in die Küche und versteckte die letzte Konservendose, die sie noch besaß, in ihrem Zimmer. Dann nahm sie sich ein Glas Wasser, wie die Frau am Telefon gesagt hatte. Sie setzte sich auf einen Stuhl und wartete.
Ein wenig schämte sie sich dafür, wie dreckig alles war. In der Spüle stapelte sich benutztes Geschirr. Auf dem Boden schimmelte irgendetwas, das sie nicht mehr erkennen konnte. Die ganze Wohnung ging in Staub unter und ihre Kleidung war seit drei Wochen nicht gewaschen worden.
Sie hatte anfangs noch versucht, Ordnung zu halten. Sie hatte ihrer Mutter alles abnehmen wollen. Aber als Mama irgendwann nicht mehr aus dem Bett aufstand, war es ihr egal geworden. Sie hatte auf dem Teppich vor dem Bett mit ihren Puppen gespielt und ihrer Mutter davon erzählt.
Manchmal hatte ihre Mutter geantwortet.

Es klingelte an der Tür. Linda stellte das Glas auf den Tisch, ohne dass sie daraus getrunken hatte. Sie drückte auf den Summer und öffnete dann die Wohnungstür. Zwei Helfer in den rotweißen, blinkenden Jacken kamen die Treppe hinauf. Sie trugen weiße Masken vor dem Mund.
„Schierer?“, fragte ein Mann mit schwarzen Haaren und sah Linda fragend an. Sie nickte nur und öffnete die Tür noch weiter.
Stumm zeigte sie auf das Schlafzimmer. Beide Rettungshelfer liefen an ihr vorbei. Sie blieb im Flur stehen und fragte sich, ob sie die Tür schließen sollte oder nicht. Der kalte Luftzug aus dem Treppenhaus war unangenehm. Sie lehnte die Tür an.

Es dauerte nicht lange, bis der Mann wieder aus dem Schlafzimmer zurückkam. Er nahm seine Maske ab und kniete sich auf den Boden, sodass er mit ihr auf Augenhöhe war.
„Wir konnten deiner Mutter leider nicht mehr helfen“, sagte er. Sein Blick war freundlich.
Linda nickte stumm.
„Hast du mit ihr allein hier gewohnt?“
Nicken.
„Und hast du andere Verwandte? Einen Vater? Oder Großeltern?“
Linda schüttelte den Kopf. In Wirklichkeit wusste sie es nicht.
Der Mann seufzte, stand auf und sagte zu seiner Kollegin: „Ruf Stuckmann an, sie soll das Kind abholen.“
Linda mochte nicht, wenn Erwachsene über sie sprachen, als wäre sie nicht da. Aber sie verstand trotzdem. Sie ging in ihr Zimmer und packte ihre Lieblingspuppen in ihren Koffer. Die Konservendose versteckte sie unter ihrem Schnuffelkissen.

Ihre Mutter wurde von den Rettungshelfern in einem schwarzen Sack auf einer Liege aus der Wohnung gebracht. Linda traute sich noch einmal, das leere Schlafzimmer anzusehen. Sie dachte kurz, dass ihre Mutter nur im Bad war. Es war ein gutes Zeichen, wenn sie wieder laufen konnte.
Sie starrte die Tür vom Badezimmer an und hoffte, dass sie sich gleich öffnen würde. Dann würde sie zu ihr laufen und sie in den Arm nehmen. Sie würde sich entschuldigen, dass sie so dumm war und gleich den Rettungsdienst rief.
Aber die Tür blieb geschlossen.
Der Mann spülte eine Tasse und machte ihr Tee, den sie nicht wollte. Sie saßen gemeinsam in der Küche und warteten.

Es hatte noch einmal geklingelt und eine Frau kam schnaufend die Treppe hinauf. Sie trug ein geblümtes Kleid. Fast wie der Morgenmantel von Lindas Mutter.
„Endlich“, seufzte der Mann.
Die Frau beugte sich zu Linda herunter: „Ich bin Anita Stuckmann. Ich bin vom Seuchendienst, Abteilung Kinder und Jugend. Meine Aufgabe ist es, dir zu helfen.“
Linda sah sie mit großen Augen an.
„Ich habe einen Koffer gepackt“, sagte sie leise.
Anita lächelte: „Sehr gut. Linda, richtig?“
Linda nickte.
Anita wandte sich an die Rettungshelfer: „Alles kontaminiert?“
„Vermutlich“, erwiderte der Mann mit den schwarzen Haaren.

Lindas Koffer wurde in einen dicken Plastiksack gepackt. Sie musste auf dem Flur einen Overall über ihre normale Kleidung ziehen. Dann musste sie sich von den Rettungshelfern verabschieden und mit Anita mitgehen.
„Wir werden jetzt zuerst in ein Krankenzentrum fahren“, erklärte Anita, „wo man gucken wird, ob du eine Krankheit hast oder nicht.“
Es gefiel Linda, dass sie im Auto mitfahren durfte. Sie war schon lange nicht mehr Auto gefahren.
„Was passiert mit Mama?“, wollte Linda wissen.
„Sie wird in ein Krematorium gebracht“, erklärte Anita.
„Was ist ein Krematorium?“
„Dort werden Menschen nach dem Tod hingebracht“, sagte Anita, „damit sie niemanden mehr anstecken können. Es ist sehr wichtig, um die Lebenden zu schützen, weißt du?“
„Als Opa gestorben ist, gab es eine Beerdigung.“
„Das hat man so gemacht, bevor alle Menschen so krank geworden sind.“
„Ich glaube, ich bin gesund.“
„Das ist schön“, erwiderte Anita mit einem falschen Lächeln.

——

Fast 20 Jahre später saß Linda im Zug nach Brüssel. Sie hatte überlebt. Sie wusste mittlerweile, dass sie großes Glück gehabt hatte. Als sie ihre Masterarbeit begonnen hatte - „Die Quarantäne-Gesetze von 2058 und ihre Auswirkung auf das Schulderleben der Überlebenden“ - hatte sie Akteneinsicht beantragt. Man hatte sie damals in die Risikogruppe 6 eingeteilt. Wenige Wochen später waren Kinder dieser Gruppe bereits nicht mehr in Kranken-, sondern gleich in die Sterbezentren gebracht worden. Aber sie war gesund geblieben und nach wenigen Wochen in ein Internat nach Arnsbüttel gebracht worden.

Sie hatte für ihre Masterarbeit viele Zeitungsartikel aus dieser Zeit gelesen. Sie hatte Interviews geführt mit Menschen, die Angehörige an die Seuchen verloren hatten. Manche hatten ihre eigenen Kinder in die Quarantäne gegeben, um den Rest der Familie zu schützen. Andere waren von Nachbarn angezeigt worden. Andere hatten ihre Nachbarn und Freunde angezeigt.
Sie hatte immer wieder damit gehadert, ihre Masterarbeit überhaupt zu Ende zu bringen. Sie hatte Albträume bekommen und war häufig mit dem Gestank ihrer kranken Mutter in der Nase aufgewacht. Immer wieder hatte sie gemeinsam mit ihren Interviewpartnern über die Verluste geweint. Über die Angst, die Scham und die Schuld. Und immer wieder hatte sie befunden, dass sie darüber schreiben musste, als Überlebende, die nicht einmal eine Urne mit der Asche ihrer Mutter bekommen hatte.
Ihre Arbeit war weit mehr geworden als ein akademisches Werk. Die Öffentlichkeit war interessiert. Das Thema beschäftigte viele, nicht nur sie. Teile ihrer Interviews würden gemeinsam mit ihren Gedanken dazu bald in Druck gehen. Und nun war sie eingeladen, vor dem EU-Parlament zu Fragen der aktuellen Gesundheitspolitik zu sprechen.
Sie hatte Angst davor, sich zu blamieren. Alles, was sie hatte, waren die Geschichten von zerrissenen Familien. Sie verstand nicht viel von Genetik und den neuen Ansätzen, Krankheiten zu bekämpfen. Sie war Soziologin, keine Medizinerin. Und sie wusste, dass man sie nur eingeladen hatte, weil es gute Presse war. Politiker, die einem Opfer der Seuche zuhörten. Die das Volk ernst nahmen. Es wirkte gut.

Um ihrer Nervosität zu entgehen, holte sie ihr Tagebuch hervor. Statt zu schreiben, blätterte sie durch die Einträge der letzten Zeit. Sie wusste nicht mehr, wie viele Bücher sie bereits vollgeschrieben hatte. Sie hatte mit 12 damit angefangen. Damals waren es Briefe an ihre Mutter gewesen. Doch je mehr sie geschrieben hatte, desto mehr Fragen hatten sich ihr gestellt. Warum hatte ihre Mutter keine Hilfe gerufen? Warum hatte sie allein mit einer Sterbenden leben müssen, die nicht mehr in der Lage war, sich um sie zu sorgen? Linda hatte nur wenige Erinnerungen an die Zeit davor. Und die, die sie hatte, waren selten gut. Eingeprägt hatte sich das grimmige Gesicht ihrer Mutter, wie sie immer wieder murmelte: „Dein Vater ist ein Arsch. Ein Arsch. Verstehst du?“
Linda hatte ihn nie kennengelernt. Vielleicht war es ein Gefühl von Rebellion gewesen, Wut auf ihre Mutter, oder vielleicht nur die Sehnsucht nach irgendjemandem, der sie halten könnte. Doch sie hatte schließlich ihre erstes Tagebuch verbrannt und schrieb seitdem Briefe an ihren unbekannten Vater. „Ich glaube meiner Mutter nicht“, war ihr erster Eintrag gewesen, „du darfst kein Arsch sein.“
Über die Jahre hatte es an Bedeutung verloren, an wen sie sich richtete. Sie schrieb nur noch selten überhaupt eine Anrede über die Einträge. Aber ihre Tagebücher gaben ihr bei aller Schwere immer noch Halt. Es beruhigte sie, durch die Seiten zu blättern und ihre eigenen Gedanken zu lesen. Einige hatte sie in ihren Vortrag eingearbeitet. Auch jetzt blieb sie wieder an diesen Stellen hängen. Es tat gut, sich gerade jetzt noch einmal daran zu erinnern, wie sie eigentlich zu ihrer Haltung gekommen war.

Als Brüssel näherrückte, konnte sie ihre Aufregung und Angst aber nicht mehr zurückdrängen. Mit schwitzigen Händen und einem schweren Stein im Bauch beobachtete sie, wie die Häuser der Stadt am Fenster vorbeizogen. Die Durchsage, man werde nun in Brüssel ankommen, ließ ihre Eingeweide verkrampfen. Warum hatte sie zugesagt?
Sie fühlte sich zittrig, als sie ausstieg, und war froh über die eindeutigen Weisungen auf dem Bahnhof. Sie besaß einen Gesundheitspass der Klasse A und wurde genau wie die anderen Reisenden aus ihrem Abteil sofort in einen abgeschirmten Gang beordert, der sie „sicher“ zum Bahnhofsausgang bringen würde. Der A-Pass bot Vor- und Nachteile. Neben den regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen musste sie rund um die Uhr ein Armband mit Sender tragen, um nachzuweisen, dass sie sich nie in gefährdetem Gebiet aufhielt. Dafür durfte sie aber alle A-klassifizierten Bereiche aufsuchen. In einer fremden Stadt kam ihr dies gelegen, denn sie musste nichts anderes tun, als den ausgewiesenen Strecken zu folgen. In ihrer Heimat fiel es ihr dagegen manchmal schwer, sich wirklich an diese Vorgaben zu halten. Und sie hasste das Gefühl, dass alle ihre Wege aufgezeichnet wurden.

Sie erreichte das Parlamentsgebäude wie geplant drei Stunden, bevor sie ihren Vortrag halten sollte. Der Eingang war durch Schranken versperrt und die Schilder wiesen die Lobby als „A/B“ aus. Sie drückte ihr Armband gegen den Scanner und die Schranke hob sich. Sie zog das Schreiben aus ihrer Jackentasche, mit dem sie einen Besucher-Ausweis und weitere Informationen bekommen hatte. Sie sollte sich im ersten Stock, Zimmer 132, melden. Sie sah sich suchend um und hätte die Aufzüge fast übersehen, weil Scanner und Sicherheitspersonal davor die Sicht versperrten. Seufzend durchquerte sie die großzügige Lobby und zeigte den Sicherheitsbeamten das Schreiben und den Ausweis. Sie musste ihre Tasche abgeben und wurde von einer Beamtin abgetastet. Schweigend sah sie zu, wie ein Mann mit Latexhandschuhen ihre Tasche vollständig ausräumte und alles genau begutachtete. Sie konnte diese Vorsichtsmaßnahmen verstehen. Doch heute war sie dünnhäutig. Bilder von früher drängten sich auf.

Sie erinnerte sich, wie damals im Krankenzentrum ein Fremder ihren Koffer ähnlich sorgsam geleert hatte. Wie ihre Puppen und ihre letzte Konservendose in eine Plastikwanne gelegt wurden und ihr niemand erklärt hatte, was geschehen würde. Wie sie sich unter heißem Wasser mit übelriechender Seife hatte abduschen müssen und nicht gewusst hatte, was mit ihr selbst passieren würde.
„Ich wollte keine Beziehung zu den Kindern aufbauen“, hatte ihr jemand in einem Interview gesagt, „denn zu viele starben und es brach mir das Herz.“ Sie hatte die Kälte der Menschen erlebt, die in den Krankenzentren arbeiteten. Aber sie hatte sowohl ihre Puppen als auch die Dose zurückbekommen und sie wie einen Schatz gehütet. Manchmal glaubte sie, es wäre gesünder, sich endlich davon zu trennen. Die Konserve hatte während der Desinfektion ihr Etikett verloren und Linda erinnerte sich nicht mehr, was sich eigentlich darin befand. Öffnen wollte sie sie nicht, aus Angst, welche Erinnerungen damit zurückkehren würden.

Der Sicherheitsbeamte riss sie mit einem Fingerschnipsen aus ihren Gedanken. Sie durfte ihre Tasche wieder einräumen und wurde zu den Fahrstühlen vorgelassen. Sie fand das richtige Zimmer, bekam einige Instruktionen und gab ihre Präsentation an einen der Technikassistenten weiter. Das alles dauerte nicht einmal eine halbe Stunde. Dann musste sie in einem Warteraum sitzen und irgendwie allein mit ihrer Aufregung fertig werden. Sie nahm sich Tee und Kuchen von dem eher spärlichen Buffet und probte noch einmal, was sie sagen würde. Sie hatte ihren Vortrag in den letzten Wochen immer wieder neu überarbeitet, hatte geschwankt in dem, was sie sagen wollen würde.

Vor einigen Wochen hatte sie nach einem Zeitungsinterview eine ganze Flut an eMails der anarchistischen „Fuck the Ark“ bekommen. Oder zumindest von Menschen, die behaupteten, dieser Gruppierung anzugehören. Als „Arche“ bezeichneten sie den Versuch der Gesunden, sich durch Abgrenzung vor der Krankheitsflut zu retten. In der Abkürzung FTA stand das A auch synonym für Menschen wie Linda. Menschen mit A-Pass, die andere sterben ließen, um selbst zu überleben.
In den eMails war sie als Heuchlerin beschimpft worden. Man hatte ihr mit Anschlägen auf ihre Gesundheit gedroht. Die meisten hatte sie ignoriert. Doch einige hatten sie herausgefordert und tatsächlich in Frage gestellt. Was wollte sie tun mit ihrem Leben? Sie hatte überlebt, bis hierher. Sie sprach und schrieb über den Verlust der Menschlichkeit und zog sich selbst zurück in ein möglichst sicheres Leben. Möglichst wenig Kontakt, und wenn, dann kontrolliert durch Scanner und Armbänder.
Sie verabscheute die Methoden der FTA, die immer wieder Anschläge auf die Gesundheit der Bevölkerung ausübten. Sie propagierten die natürliche Auslese unter dem Motto: „Wer nicht schwimmen kann, muss sterben.“
Aber dennoch hatten sie die Anschuldigungen dieser Menschen veranlasst, sich wieder mehr mit sich selbst zu beschäftigen, anstatt den Blick immer nur auf die Gesellschaft zu werfen. Wie wollte sie leben und was machte die anhaltende Quarantäne mit ihr?

Sie schrieb einige wenige Zeilen in ihr Tagebuch, während sie wartete, doch im Grunde nur aus Aufregung. Schließlich wurde sie abgeholt und lief mit zittrigen Knien hinter der Assistentin her. Ihr Herz schlug schnell und sie wünschte sich sehr weit weg. Als sie das Podium betrat, fürchtete sie einen Moment, sie würde kein Wort herausbringen. Irgendjemand sprach einige einleitende Worte darüber, wer sie war und warum sie sprechen würde. Dann überließ man ihr das reden.
„Ich freue mich sehr, dass ich heute hier zu Ihnen sprechen kann“, begann sie und empfand ihre eigene Stimme als unwirklich. Sie blickte in die teils gespannten, teils eher gelangweilten Gesichter und versuchte sich selbst zu beruhigen. Sie war nicht hier, weil sie eine gute Rednerin war, sondern weil sie etwas zu sagen hatte. Also schluckte sie und las etwas stockend von ihrem Blatt ab.
Sie las Zitate aus ihren Interviews und ergänzte sie durch Schlagzeilen bekannter Zeitungen. Sie untermauerte das, was sie sagen wollte, durch Statistiken, die sie in ihrer Masterarbeit verarbeitet hatte. Insbesondere der dramatische Anstieg von Suizid und erweitertem Suizid nach Verschärfung der Quarantänebestimmungen zeigte ihrer Meinung nach, was die Zwangstrennung mit den Menschen machte. Viele hatten sich lieber gemeinsam mit ihren Kindern das Leben genommen, als quälende Krankheit und Trennung hinzunehmen. Die zunehmende Verunsicherung der Menschen zeigte sich ebenso in steigenden Zahlen von Alkohol- und Medikamentenmissbrauch. Und dann gab es auch Angst und Panik vor Ansteckungen. Linda sprach über bekannte Fälle, in denen Kinder nach einer potentiellen Exposition durch Desinfektionsversuche der Eltern zu Tode gekommen waren.
Sie zitierte auch Menschen, die erst nach 2058 geboren worden waren. Die sich nicht mehr vorstellen konnten, frei durch eine Stadt zu spazieren und die sich vor Körperkontakt mehr fürchteten als vor Einsamkeit.
Und sie zeigte ebenfalls Statistiken über die gesunkenen Ansteckungszahlen, die die Wirksamkeit der Maßnahmen dokumentierten.
„Am Ende ist die Frage nicht, ob wir überleben können“, schloss sie ihren Vortrag, „am Ende müssen wir entscheiden, ob wir bereit sind, unsere Menschlichkeit für das Überleben zu opfern. Ob ein Leben hinter Atemmasken und Plexiglas wert ist, mit allen Mitteln vor dem Tod beschützt zu werden. Oder ob wir nicht die Jahre, die uns geschenkt werden, mit unseren Familien und Freunden leben möchten. Ob wir nicht ohnehin durch unser gebrochenes Herz sterben werden, wenn wir zuvor die Menschlichkeit sterben lassen.“

Ihre Hände zitterten leicht, als sie das schmale Siegel von ihrem elektronischen Armband riss und es anschließend auf das Rednerpult legte. Eine kleine Geste, die ihren Status augenblicklich auf D reduzierte.

"Ich bin zu dem Schluss gekommen", erklärte sie, "dass diese Entscheidung jeder von uns für sich selbst treffen muss. Und dies ist meine. Vielen Dank."
© 2018 - 2020 sacredZinja
Mein Beitrag für den Topiaz-Wettbewerb in der zweiten Runde. (www.deviantart.com/schreiberli…)

Das Setting basiert auf der Geschichte von DuchesseOfDusk aus der ersten Runde.
Comments21
anonymous's avatar
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spectacledfruitbat's avatar
Ich bin gerade durch Zufall in meinen Favoriten wieder auf diesen text gestoßen und beim zweiten Mal lesen klingt es viel weniger nach Science Fiction...
sacredZinja's avatar
sacredZinjaHobbyist Writer

Ja, ich musste auch einmal an diesen Text denken, als die Plexiglasscheiben in den Geschäften aufgetaucht sind. Schon verrückt.

LindArtz's avatar
LindArtzHobbyist Digital Artist

Very nicely done !!

Congratulations on your much deserved DD! :)

: Bigthumb602853823:


sacredZinja's avatar
sacredZinjaHobbyist Writer
Thank you very much! :heart:
hypermagical's avatar
This is incredible. You do such a good job of building the character and the setting naturally, and allowing the reader to become invested at their own pace. :heart:
sacredZinja's avatar
sacredZinjaHobbyist Writer
Vielen Dank! Das ist es sehr schönes Lob!
Tutziputz's avatar
TutziputzHobbyist Writer
Hier hast Du - in Form einer wirklich beklemmenden Dys­to­pie - eine der schwierigsten und auch aktuellsten gesellschaftlichen Fragen aufgegriffen.

Der Text ist, wie bei Dir nicht anders zu erwarten, ausgesprochen lebendig und mitreißend geschrieben. Sehr geschickt hast Du es geschafft, über die Einleitung, Rückblenden und kurze Gedankenschnipsel Deiner Protagonistin ein detailliertes Bild dieser zukünftigen Gesellschaft zu entwerfen, ohne den Leser durch lange Telling-Passagen zu langweilen. Gleichzeitig hast Du die Spannung hochgehalten, weil klar war, dass diese Geschichte auf einen finalen Höhepunkt hin zusteuerte ...

... auch wenn mir, aller Andeutungen und sorgfältiger Vorbereitung zum Trotz, nicht klar war, wie dieser aussehen würde. Umso stärker war die Wirkung dieses fulminanten Endes. 

Zur gesellschaftlich-politischen Botschaft Deiner Geschichte gibt es eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen. Wie wertvoll ist unsere Menschlichkeit? Wie viel von ihr sind wir bereit zu opfern ... und wofür? Hier hat Deine Protagonistin mit ihrer mutigen und bewundernswerten Entscheidung bereits alles gesagt!
sacredZinja's avatar
sacredZinjaHobbyist Writer
Um ehrlich zu sein, wusste ich auch erst am Ende, dass es darauf hinauslaufen würde. Generell wurde erst irgendwie beim Schreiben klar, dass die Rede der Endpunkt der Geschichte sein muss, und dass du es als fulminant bezeichnest spricht dafür, dass es die richtige Entscheidung war.

Vielen Dank für deinen Kommentar!

Ich finde häufig, dass in politischen Diskussionen zu viel Angst vor möglichen Katastrophen gemacht wird und zu wenig beachtet wird, was wir durch diese Angst vielleicht verlieren.
Tutziputz's avatar
TutziputzHobbyist Writer
Yep, es war die richtige Entscheidung!

Und ja, das Konzept mit der Angst ist vor allem das Erfolgsrezept der Populisten ...

... und es ist geeignet, unendlich viel kaputt zu machen. Aus Furcht vor Terroristen sollen wir Teile unserer bürgerlichen Freiheit opfern, im Kampf gegen eine angebliche Islamisierung unsere Religionsfreiheit und im Kampf gegen die sogenannte Flüchtlingskrise unsere Menschlichkeit :cries:
sacredZinja's avatar
sacredZinjaHobbyist Writer
Ist aber schade, dass das "fickte" dabei rausgefallen ist. Passt viel besser in den Kontext!
Letitbelong's avatar
Ich finde die Geschichte interessant und das Ende schockierend. Aber auch real. Es gibt Krankheiten, wo man genau solche Entscheidungen treffen muss.
sacredZinja's avatar
sacredZinjaHobbyist Writer
Vielen Dank!

Mir fehlen in politischen Diskussionen häufig die ethischen Fragen.
DuchesseOfDusk's avatar
DuchesseOfDuskHobbyist General Artist
Ich muss gestehen, dein Titel hat mich abgeschreckt. Er liest sich für mich wie eine lange, hochtrabende philosophische Diskussion von der ich sowieso nichts verstehe und nicht wie der Titel einer Kurzgeschichte. Deshalb habe ich deinen Text erst jetzt gelesen.
Aber es freut mich, dass dich meine Geschichte in der ersten Topiaz-Runde inspiriert hat :)
Story-of-a-Mind's avatar
Story-of-a-MindProfessional Writer
Krankheit oder nicht hier geht es auch um grundsätzliche Fragen wie: Lieber sicher oder lieber frei sein. Und ist es in Ordnung, dass ich um sicher zu sein andere ausgrenze?
sacredZinja's avatar
sacredZinjaHobbyist Writer
Und jede Entscheidung hat immer ihren Preis...

Danke für comment und fav!
SparkleFuchs's avatar
SparkleFuchsStudent Writer
Cool, der Text ist fertig!

Stelle gerade schockiert fest, dass die Deadline mir gefährlich mache kommt...

Ich entschuldige mich vorab, falls es bei mir länger dauert. Ich schreibe ab nächste Woche ein paar Prüfungen. 😅
sacredZinja's avatar
sacredZinjaHobbyist Writer
Ja, ich musste gestern andere Dinge prokrastinieren... ^^
SparkleFuchs's avatar
SparkleFuchsStudent Writer
Okay, ich gestehen... Das Wort musste ich erstmal nachschlagen xD
sacredZinja's avatar
sacredZinjaHobbyist Writer
^^ Sorry. Hat sich in meinem Freundeskreis so eingebürgert.
SparkleFuchs's avatar
SparkleFuchsStudent Writer
Kein Ding, ich bin Informatiker. Für uns gilt: "Google ist dein Freund und Helfer" ^^
SparkleFuchs's avatar
SparkleFuchsStudent Writer
*gestehe (diese verdammte Autokorrektur!)
anonymous's avatar
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