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Blutkekse

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NikitaTarsov's avatar
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Der junge Künstler erlitt einen jener ruhelosen Tage. Ein klassischer deutscher Sommer – zu warm um ihm selbst mit größter Ambition noch irgendetwas abzugewinnen, zu moderat um sich darüber zu beschweren.

Irgendwo in dem Halbschatten seines müden Geistes hatte er sich auf einen einfachen Gedanken geeinigt. Ein Fokus, auch wenn er kaum von großer Bedeutung war. Etwas, das ausreichte um aufzustehen, sich anzuziehen und sich zumindest einen Augenblick lang dem Künstleralltag aus kaltem Dosenfutter und endlosem Scrollen durch SocialMedia-Seiten zu entfliehen.

Seine lieblose Wahl war eine Kindheitserinnerung. Ja, etwas so einfaches wie diese Kekse, die ihm als loses Band mit dem unschuldigen Jungen seiner Kindheit verband.

Der Streifzug durch die gesichtslosen Supermärkte weckte den ersten Verdacht, dass er keinerlei Ahnung hatte, ob es diese Marke oder vergleichbares überhaupt noch gab – oder wo man sie bekam. Ganz generell kam ihm diese Welt, die er nun gezwungen war wirklich wahrzunehmen, einförmig und künstlich vor. Stereotype waren dem Künstler ein stetiger Begriff seines Handwerks. Es schien ihm fast, als wären all die wegen Unglaubwürdigkeit verworfenen Gedanken von Autoren in der realen Welt manifestiert, und hätten hier eine dröge, geisttötende Schattenwelt des Stumpfsinns geschaffen.

Die Hitze bekam nun einen drückenden Charakter. Niemand außer ihm schien es so zu empfinden.

Lediglich das Geräusch eines Ventilators von irgendwoher maß ihm zu, nicht völlig allen in dieser Hölle zu schmoren.

Wuppwuppwupp.

Ohne Sinn für Zeit schien das Geräusch sich eingenistet zu haben, ihn zu begleiten. Weckten Erinnerungen an ... an nichts. Sein Kopf begann nun auch noch zu drücken.

Wenn er besonders viel 'Glück' hatte, dann war dies womöglich eine dieser unerklärlichen Sommergrippen, die sich gerade häuften.

Ein namenloser Supermarkt stülpte sich über den jungen Mann und weckte ihn aus seiner Trance. Zumindest etwas Kühle erbrach sich aus der Decke. Die Klimaanlage wälzte verzweifelt die tote Luft und klang dabei so kränklich, wie ihr jüngster Gast sich fühlte.

Wuppwuppwupp.

Ein Supermarkt war wohl so gut wie der andere. Er hatte das hier angefangen, also würde er das auch zu Ende bringen. Die vage Frage keimte, was er tun würde, sollte das hier keinen Erfolg ...

Er zwang den Gedanken nieder. Frustration regte sich – das hier würde ihm seine verdammten Kekse einbringen. Ein 'was, wenn nicht?' verbannte er aus seinem Geist, ahnte er doch die emotionalen Konsequenzen, all das hier vollkommen sinnlos durchgestanden zu haben.

Wuppwuppwupp.

Das Regal für Süßigkeiten folge, wie alle seiner Art, einem komplexen Reigen aus Verwirrung, Kundenmanipulation und auf psychologische Kriegsführung ausgelegte Nachfüllstrategien seitens der Belegschaft. Die kleine Abteilung Kekse fand sich dennoch.

Halb leergeräumt, als würden Krieg und Pandemien die strategische Versorgung mit Süßgebäck bedrohen.

Wuppwuppwupp.

Für einen Sekundenbruchteil war er von dem Geräusch an Rotorblätter erinnert. Ein alter Huey – das erkannte er an den Details von Gestänge, Rotorkopf und Blättern. Dabei blieb sein Interesse für Hubschrauber doch bestenfalls beiläufig zu nennen.

Der Gang war bis auf ein Kind leer. Gezwungenermaßen das erste menschliche Lebewesen, dass er wirklich wahrnahm. Das Kind undefinierbaren Geschlechts war in ausgetretene, plasitkgelbe Sandalen, eine kurze Hose und ein labberiges Hemd mit der verblassten Ikonographie einer Giraffe gehüllt. Das ganze Auftreten und sein - oder ihr - zotteliges Haar ließen das Kind wie aus einer Dritte-Welt-Dokumentation wirken. Es blickte zu dem verzweifelten Mann hinüber, in dessen Augen der Hunger nach Keksen brannte, und begegnete dessen Blick wie hypnotisiert. Der Künstler bemerkte diesen drohenden Blick an sich selbst, und erkannte erst da, was das Kind in seiner dünnen Hand hielt.

Das Echsengehirn hatte schon zwei Sekunden früher bemerkt, dass das jene Kekse waren. Seine Kekse. Das Fach war bis auf einige Verpackungsreste vollkommen leer.

Wuppwuppwupp.

Das waren seine Kekse.

Ein Teil seines Verstandes wollte sich über das Auftreten des Kindes wundern, doch ein Instinkt, der zurückreichte in eine einfachere Welt, voller großer Reptilien und Säbelzahntigern, wischte diese kleinlichen Bedürfnisse beiseite. Seine Welt fokussierte sich auf die Kekse.

Wuppwuppwupp.

Wieder ein Moment der Abwesenheit. Er musste in sich gekehrt gewesen sein, denn plötzlich war das Kind nicht mehr da. Ein Stromschlag durchfuhr seinen Körper. Seine Beute war ihm entkommen! Man hatte sie ihm weggenommen!

Halb von Zorn getrieben, halb vor sich selbst erschrocken, folgte der Jäger der Spur seiner Beute. Die Kassen waren sicher unterbesetzt. Das Kind musste dort durch. Dort würde er ...

Wuppwuppwupp.

Ohne von der überforderten Kassiererin bemerkt zu werden, glitt das Kind durch die Schlange der Kunden, und der junge Künstler spürte beim Anblick seiner entkommenden Kekse etwas in sich reißen. Mit einem schnellen Sprung war er auf dem Fließband. Empörung erklang, er sollte sich gefälligst anstellen. Und als die Kassiererin gerade Luft holte um ihn empört anzuschreien, setzte er wie ein wildes Tier über sie hinweg, stieß irrelevante Hindernisse in Form von Mensch und Werbeaufsteller gleichermaßen achtlos beiseite. Panik hinter ihm, Schreie, aber all das war jetzt ohne Belang.

Irgendetwas rief aus den Tiefen seines Verstandes herauf, was was de Leute in ihm gesehen haben mussten, doch dafür hatte er jetzt keine Zeit. Seine Dreads peitschen um seinem Kopf als er aus dem Markt hervorbrach wie eine Urgewalt. Zwei oder drei Kunden hatten gerade den Markt betreten wollen und waren damit zu direkten Futterkonkurrenten geworden. Ihre Schuld. Die Erinnerung an sie daran verblasste bereits. Es gab nur noch ihn, die Jagd und die Kekse.

Wuppwuppwupp – sang die Klimaanlage ihr Lied.

Seine Kekse ... und das Kind waren einen Sekundenbruchteil nicht zu sehen, und kalter Schweiß, gepaart mit namenlosem Zorn brachen über die Kreatur herein. Doch schon fand er seine Beute wieder. Ein schwarzer Van war gerade dabei ihm die Beute streitig zu machen. Als wäre es das einzige Ding im Universum von Bedeutung, wurde sein Blick von den Keksen angezogen. Nur als Beiwerk befand sich daran eine Hand, daran ein Kind, und daran wiederum eine Gestalt in abgewetzter Militärkleidung – viel zu warm für dieses Wetter. Eine Sturmmaske verdeckte das Gesicht des Angreifers, doch der Jäger erblickte selbst über die Entfernung von zehn, zwölf Metern, die Augen eines anderen Jägers. Ein animalischer Laut der Herausforderung brach sich Bahn, und seine fliegenden Dreads rammten eine verzerrte Grimasse primordialen Hungers ein, als er die Entfernung zu dem Beutekonkurrenten innerhalb weniger Herzschläge überbrückte. Wild stieß er in das Fahrzeug hinein, rammte Entführer und Kind gleichermaßen in die stickige Dunkelheit.

Im nächsten stroboskopartigen Eindruck sah er weitere Männer, hörte sie fluchen – kannte aber die Sprache nicht. Es war auch egal.

Eine Waffe fiel klappernd zu Boden, ein Messer wurde in der wogenden Dunkelheit voller Gliedmaßen aus seiner Scheide gezogen.

Es war immer noch warm.

Allerdings hatte es ein Stück weit seinen Biss verloren, was weniger am Schutz seiner Wohnung lag, als mehr einer inneren Ruhe. Die Kaffeemaschine gab ein rülpsendes Geräusch von sich und ließ das Wasser ungehorsam durchlaufen, ohne sich mit der sachgemäßen Erhitzung aufzuhalten. Wässrige braune Brühe sammelte sich in der Kaffeekanne, und Denn spürte ein kurzes Ziehen einer aufkeimenden Emotion. Nur eine Sekunde, dann war sie verflogen.

Mit einem Schulterzucken schaltete er die ungehorsame Maschine ab und goss die Brühe fort.

Das Aufkeimen von Frustration hatte ihn an irgend etwas erinnert, dass sich ihm sofort wieder zu entziehen versuchte.

Wupp.

Ein wenig irritiert, aber auch nicht im Begriff irgend etwas Wichtigeres zu tun – wie es der reine Zustand eines jeden echten Künstlers war – durchstreifte er sein Wohnung, um der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen.

Das ihm noch immer unbekannte Kind saß vor dem Fernseher und spielte abwesend mit ein paar Steinen, die ein wenig an etwas schmutzigen weißen Kandis erinnerten – was Denn zu der Idee veranlasste, sich heute lieber einen Tee zu machen. Es war definitiv mehr ein Tee-Tag.

Im Bad fand sich dann auch die kleine Bastelsäge, die er schon länger gesucht hatte. Das dünne Blatt war einigermaßen ausgeleiert von überambitionierten Gebrauch und glitschig von ... Öl. Definitiv Öl. Er hatte wohl ziemlich übertrieben, das Blatt vor Korrosion zu schützen, so wie die Spüle noch mit dem rötlichen Öl versaut war. Wahrscheinlich war ihm der Deckel des Ölbehälters abgefallen. Den Rest des glitzigen Behällters hatte er dann wohl notgedrungen in der Badewanne ausleeren müssen. Naja, passierte.

Gut, dass er so geistesgegenwärtig gewesen war schon ein paar Rollen Malerfolie aus dem Keller zu holen, um das alles nachher wieder sauberzumachen. Zumindest das gab ihm das zufriedene Gefühl, die halbe Arbeit schon hinter sich zu haben.

Von draußen drang eine Sirene an sein Ohr, und er spürte eine unbegründete Anspannung im Nacken.

Wuppwupp.

Als sich die Sirenen wieder entfernten, um einem anderen Einsatzort entgegen zu eilen, fiel diese spontane Wachheit aber sofort wieder von ihm ab.

Vielleicht sah er mal in den sozialen Medien nach, was da los war.

Gedankenverloren nahm er die Packung Kekse und widmete sich seinem Smartphone.

Shortstory die sich exakt so ereignet hat ... zumindest, wenn ich den Bekannten richtig verstanden habe - was in seiner Ausführung zugegebener Maßen sehr viel weniger Details enthielt. Eigentlich ging es hauptsächlich um irgendwas mit Blut ... und Keksen.

Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es in etwas so gelaufen ist.
© 2022 - 2024 NikitaTarsov
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mephistino's avatar

Verdammt... jetzt habe ich Alpträume... die erste Hälfte beschreibt mich, die zweite die von mir geschaffenen Bösewichte...