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Verbundene Schicksale - Kapitel 2 (LIS-Fanfiction)

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MCAppetizer's avatar
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Max wagte nicht, sich zu bewegen. Sie hatte gedacht, es wäre endlich vorbei! Ein merkwürdiger, bizarrer Abschnitt ihres Lebens, den sie wohl nie wirklich verstehen würde; aber endlich vorüber!
Und jetzt lagen diese fünf Bilder vor ihr, die sie nicht geschossen und die sie noch nie zuvor zu Gesicht bekommen hatte.
Sie konnte in diese Bilder reisen. Daran bestand kein Zweifel; es schien ihr alles wie vor einer Woche zu sein. Aber - nur bei diesen sonderbaren paar Bildern.
Warum diese fünf? Und wie kamen sie überhaupt in ihre Fotosammlung?
Sie ergriff eines der Fotos, so vorsichtig, als könne es jeden Moment zu Staub zerfallen, und drehte es um. Nichts, kein Datum, keine Notiz. Nur eine blanke, weiße Rückseite. Es schien wie neu, keine Knicke wie bei den anderen Bildern waren erkennbar. Als wäre es eben gerade von ihrer Kamera ausgespuckt worden.

„Warum…?“, entfuhr es ihr, ohne dass sie eine Antwort erwartete. Sie legte ihre Stirn in Falten und ein Ausdruck von Sorge zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. Hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu, überhaupt nicht, und Max verspürte einen starken Impuls, die fünf Fotos zusammen mit den übrigen wieder in den Pappkarton zu legen und sie unter ihrem Bett verschwinden zu lassen, in der Hoffnung, sie wären am nächsten Tag nicht mehr dort. Aber das wäre unsinnig. Warum sollten sie ihr den Gefallen tun und sich einfach in Luft auflösen?

War das irgendein Wink des Schicksals? Ein Wink mit dem Zaunpfahl? Sollte sie diese Erinnerungen besuchen? Ihr schwindelte. Warum konnte es denn nicht einfach vorbei sein? Ihr Zeitreisen hatte doch nun wirklich schon genug angerichtet…
Und doch – einfach so tun, als hätte sie die Bilder nie gesehen, war für sie keine Option mehr. Sie hatte sie nun einmal gefunden und das sollte sie womöglich auch, auf irgendeine verschrobene Art und Weise.

Das Foto, welches sie noch immer in Händen hielt, schien in seiner Lebendigkeit die anderen Bilder zu überstrahlen. Sie erkannte darin Chloe und sich selbst, im Zimmer ihrer Freundin, auf dem Bett, in bequemen T-Shirts und Unterwäsche; so, wie sie am Mittwoch der vergangenen Woche nach einer ereignisreichen Nacht aufgewacht waren – am Mittwoch in einer anderen Welt. Die Perspektive war es, die sie irritierte. Es schien, als sei das Bild von der Mitte des Zimmers aus aufgenommen worden zu sein, also weder von ihr noch von Chloe; aber sie waren doch alleine gewesen, das Bild hätte niemand schießen können!

Noch immer verspürte sie ein unangenehmes Gefühl von Furcht, dass irgendetwas geschehen war oder geschehen würde, was wieder außerhalb ihrer Kontrolle und ihres Verständnisses lag. Doch die Bilder waren hier. Und womöglich nicht grundlos. Und etwas in ihr wollte herausfinden, was das für ein Grund war.
Auch wenn es bedeutete, wieder das zu tun, wovon sie gehofft hatte, sie müsste es nie wieder erleben.
Sie hielt das Foto direkt vor sich, setzte sich in den Schneidersitz und fokussierte ihr früheres Selbst im Bild. Stimmen erklangen, dumpf, aus der Ferne. Die Farben des Fotos wurden unstetig, vermischten sich, am Rand ihres Blickwinkels stoben bunte Farbstreifen umher. Sie fühlte sich auf einmal wach, hellwach; und dann wurde es plötzlich dunkel um sie.

Allerdings nur für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sich die Welt um sie herum wieder materialisierte. Etwas verschwommen erkannte sie kleine Rechtecke, etwas entfernt. Poster, wie es schien. Die Poster an Chloes Zimmerwand. Chloes Schreibtisch, ein Stuhl. Sie rieb sich die Augen und als sie sie wieder öffnete, konnte sie bereits etwas klarer sehen.

„Wohl noch nicht ganz wach, Hippie, hab‘ ich recht?“, fragte Chloe.
Max starrte ihre Freundin an. Dann durchströmte sie ein tiefes Glücksgefühl.
Chloe!
Wie schön, ihre Stimme zu hören! Ihre blauen Augen, ihr hübsches Gesicht zu sehen, umrahmt von ihren azurblauen Haaren, die wie blaue Flammen züngelten, jetzt, da sie noch vom Schlaf wild in alle Richtungen fielen.
„Na ja … scheint so“, entgegnete sie und musste herzhaft gähnen. Ein gleichzeitiges Grinsen funktionierte nicht, also lieferte sie es im Anschluss nach.

Sie spürte in sich hinein und bemerkte, wie ein Gefühl in ihr aufstieg, tief aus ihrem Inneren kommend, wie Luftblasen, die an die Oberfläche drängten.
Das Gefühl von Geborgenheit.
Davon, dass alles gut werden würde. Dass alles gut war.
Jetzt.
Sie war hier, mit Chloe. Ihre Freundin lebte, für den Moment.
Mit einem Mal vergaß sie die Traurigkeit. Es war ihr nicht wichtig, dass sie eigentlich nur in die Vergangenheit eines Fotos gereist war, dass sie nur eine räumlich und zeitlich begrenzte Erinnerung besuchte.
Freude sprudelte in ihr auf. Lebensfreude. Ein bisschen so wie an diesem Mittwochmorgen.
Ihr war, es sei tatsächlich dieser Mittwoch, als wäre alles wieder im Lot, unbeschwert, sorgenfrei, ganz einfach normal – halbwegs normal.

„Hallo, Erde an Max Caulfield? Du warst nicht zufällig nachts an meinen Vorräten?“, hörte sie Chloe sagen. Sie kehrte mit ihren Gedanken zurück zur Situation. Sie wollte wieder lachen, Chloe necken, Spaß haben.
Sie wollte es so unbedingt.
Max grinste.
„Nicht auszuschließen…“, entgegnete sie und stützte sich auf ihre angewinkelte Hand ab.
„Oh, Mann“, sagte Chloe und drehte sich um, ergriff die Fernbedienung für ihre Stereoanlage vom Nachttisch und schaltete diese ein. Musik erklang, leise im Hintergrund.
„Aber eigentlich hätte ich es ja wissen müssen. Du bist und bleibst eben ein Langschläfer. Wie früher. Und wenn du doch mal früh rausmusst, dann siehst du eben so aus … naja … wie jetzt halt.“
Ein Lächeln breitete sich auf Chloes Gesicht aus.
„Ziemlich high eben.“
Max legte ihren Kopf etwas schräg – so weit wie das auf der Seite liegend eben möglich war – und entgegnete:
„Das sagt ja wirklich die Richtige. Wer hat denn immer wen wecken müssen, damit der- oder diejenige nicht morgens vor lauter Langschlafen verhungert? Und das war gar nicht so einfach, das kannst du aber glauben. Wenn du dich bitte mal daran erinnern willst!“
„Okay, okay“, sagte ihre Freundin. „Überzeugt. Aber du solltest dich wirklich mal sehen. Müdigkeit hat heute ein Gesicht.“
„Hm. Deswegen ist das erste, was ich morgens mache, ja auch Duschen. Da wird man wach.“
Max gähnte noch einmal.
„Sagt man jedenfalls“, fügte sie noch hinzu, etwas leiser.

Chloe schmunzelte.
„Und vermutlich warm, die Dame? So … Stufe halbgar? Wie willst du denn wach werden, wenn du nicht eiskalt in den Tag startest?“
„Gut.“
Max nickte.
„Wenn du es mir vormachst, gerne. Eine Dusche habt ihr ja. Ich werde das kalte Wasser gerne für dich eine halbe Minute vorlaufen lassen.“
„Verdammt“, seufzte Chloe. „Ins eigene Bein geschossen?“
„Jep. Ins eigene Bein geschossen.“
„Klasse.“
Chloe setzte sich auf und fuhr sich durch die Haare.
„Und weißt du, was das Beste ist?“, erkundigte sich Max.
„Ich weiß nicht, ob man hier von ‚dem Besten‘ sprechen sollte. Aber schieß los!“
„Ich kann deinen Schrei unter der kalten Dusche immer und immer wieder erleben, so oft ich das möchte.“
Chloe kniff die Augen zusammen. Dann sagte sie:
„Wusstest du eigentlich, dass Macht den Charakter eines Menschen kaputt machen kann?“
„Jep.“
„Verdammt.“

„Aber sie kann auch hilfreich sein“, sagte Max. „Gestern zum Beispiel wäre es wohl eng geworden ohne einmal die Zeit zurück zu spulen. David hätte uns ganz schon was erzählt…“
„Oh, ja“, sagt Chloe, „Der wird sich vielleicht gewundert haben. Die Blackwell-Ninjas schlagen wieder zu.“
Chloe summte leise eine Melodie, die Max aus irgendeiner Zeichentrickserie kannte.
„Sie haben die Zeit auf ihrer Seite“, sagte sie dann, mit verstellter, kratziger Stimme, „Und sie machen alles, was ihnen gefällt.“
„Sie schießen auf aggressive Bierflaschen, schneller als sie diese austrinken können“, fügte Max hinzu, ebenfalls mit verstellter Stimme.
„Sie sind wahre Profis, was das Reparieren von Sofortbildkameras angeht“, sagte Chloe grinsend.
„Sie fahren Autos, die aus der Zukunft sein könnten“, entgegnete Max lächelnd.

„Und…“, sagte Chloe, „…sie spritzen mit Wasser, als wären sie darin aufgewachsen.“

Max grinste. Sie fühlte sich so befreit! Der ganze Kummer der letzten Tage war wie abgefallen von ihr, seit sie in dieser Erinnerung lebte, auflebte!
Das Lied der Stereoanlage endete und ein neues wurde gestartet. Max kannte es, der Name fiel ihr nur nicht mehr ein. Aber sie empfand es als so langsam, zu schwermütig für diese Situation. Für jetzt. Sie wollte das Leben in ihren Ohren klingen hören!
„Kann ich mal die Fernbedienung haben?“, fragte sie und streckte sich, ohne ein Antwort abzuwarten, vorsichtig über Chloe hinweg zum Nachttisch hin, um sie zu erhaschen.
„Musst wohl noch etwas wachsen, richtig?“, stichelte Chloe.
„Das Frühstück meiner Mum könnte dir dabei sicher helfen.“
Max erreichte die Fernbedienung, orientierte sich bei den vielen Knöpfen und schaltete schließlich zum nächsten Lied. Trompeten im Hintergrund und eine wummernde Bass Drum.
„Besser“, stellte sie fest.
„Sagtest du nicht etwas von Frühstück?“, fügte sie dann hinzu und setzte sich auf.
„Du warst also hellhörig? Hast Recht. Ja, ich glaube, Mum ist schon am Frühstück dran.“
„Wie damals“, sagte Max, mit einem leichten Anflug von Nostalgie.
Sie stand auf, lief ein paar Schritte im Zimmer umher, um sich wieder an die Senkrechte zu gewöhnen und trat schließlich vor den großen Kleiderschrank.
„Wenn du nichts dagegen hast, nehme ich mir ein paar Klamotten da raus.“
Sie deutete auf ihre eignen, die sie in der Nacht achtlos auf den Schreibtischstuhl geworfen hatte.
„Meine sind mir ein bisschen zu voll mit Chlor.“
„Klar. Kein Ding.“
Chloe setzte sich. „Schauen wir doch mal, was du findest. Die Sachen da links…“
Max öffnete den Schrank und schob die Kleiderhaken auf der linken Seite nach rechts in ihr Blickfeld.
„…sind größtenteils Rachels Klamotten. Ich weiß nicht, ob du damit was anfangen kannst. Passen sollten sie dir aber.“

Und wieder einmal spürte Max diesen kurzen, gemeinen Stich in ihrer Magengegend, als Rachels Name fiel. Sie schämte sich ein bisschen deswegen. Sie stand anscheinend in ihrer Vorstellung noch immer im Schatten von Rachel Amber, die in der letzten Woche eine so zentrale Rolle in ihrem Leben gespielt hatte.
Doch das Gefühl verflog so schnell, wie es gekommen war.
„Ich schaue mal“, antwortete sie.
Sie wusste natürlich, wo sie das karierte Hemd und die zerschlissene Jeans finden würde. Nachdem sie sich Augenblicke später angezogen hatte, stand Chloe auf, schlurfte noch etwas müde zu ihr und sagte: „Nicht übel, Max. Du hast nicht zufällig heute noch was vor…?“
„Bisher nicht“, entgegnete Max lächelnd und räkelte sich in ihrem neuen Outfit.
„Es sei denn, du hättest einen Vorschlag?“
„Lass mal überlegen…“, antwortete Chloe und wuschelte Max durch das Haar.

Gleich würde Chloe sie fragen, dachte Max. Gleich würde sie fragen, ob Max den Mut hätte, sie zu küssen. Ein Teil ihrer selbst verlor für den Augenblick die Leichtigkeit, die Sorglosigkeit. Sie wollte Chloe sagen, dass es ihr so leidtat, was sie beide im Laufe der Woche noch alles erleben mussten. Sie wollte sie trösten.
Da stand sie nun, Chloe, ach Chloe, etwas müde, etwas verträumt vor ihr, nichts ahnend, dass ihr das Allerschlimmste noch bevorstand. Als hätte Chloe Price nicht schon genug Kummer durchleiden müssen. Sie tat Max so unglaublich leid, sie wollte sie umarmen, sie wollte sie drücken und ihr vorsichtig beibringen, was auf sie zukommen würde, um ihr die quälenden Schockmomente zu ersparen, die immer neuen Stiche, tief in ihr Herz.
Aber sie wollte ihre Freundin nicht unglücklich sehen, nicht in Sorge und Trauer. Sie beide hatten diese Momente wie jetzt verdient, diese Augenblicke, in denen alles okay war, alles gut. Noch.

„Im Moment habe ich keine Idee für nachher, aber für jetzt frage ich mich, ob du dich traust … mich zu küssen“, sagte Chloe und stellte sich direkt vor sie.
„Verstehe…“, antwortete Max vielsagend.
„Im Ernst, traust du dich?“, fragte Chloe.
„Chloe, ich mach‘ das wirklich“, sagte Max, „Nicht, dass du dich wunderst…“
„So?“
Max stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihre Freundin sanft auf den Mund. Chloe trat einen kleinen Schritt zurück, ließ aber für einige Sekunden nicht von Max‘ Kuss ab. Wie Funken stoben Glücksgefühle in Max‘ Seele empor, es kribbelte in ihrem ganzen Körper und für diesen einen Augenblick war die Welt einfach nur unfassbar wundervoll.
Als sie einige Momente später wieder voreinander standen, sagte Chloe:
„Du bist echt heftig.“
„Danke, gleichfalls.“
Max‘ Herz schlug noch immer wie wild.
Was für eine Aufregung!
Dass es so etwas Schönes gab!
„Aber an Rachel kommst du noch nicht ganz ran“, sagte Chloe.
Dies ist das zweite Kapitel einer deutschen Fanfiction-Geschichte zum fünfteiligen Videospiel "Life Is Strange" (LIS).
Natürlich kann die Geschichte auch ohne Kenntnis des Spiels gelesen werden, allerdings empfiehlt es sich, zumindest die grobe Handlung der fünf Episoden zu kennen. :) (Smile)

Kapitel 1: fav.me/da6tcpm

Nächstes Kapitel: fav.me/da8mhbr
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