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Verbundene Schicksale - Kapitel 1 (LIS-Fanfiction)

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Es war ein kalter, etwas nebeliger Oktoberabend, als Maxine Caulfield ihre Tasche in die Ecke ihres Zimmers warf, sich aufs Bett setzte, sich langsam auf die Seite kippen ließ und hemmungslos in ihr Kissen weinte. Für sie war das inzwischen zu einer Art abendlichem Ritual geworden. So gut es ihr auch gelang, im Unterricht und bei den Hausübungen, die sie zumeist mit Kate und Alyssa abarbeitete, die Tränen zurück- und etwas Normalität aufrechtzuerhalten, so schlecht gelang ihr das, wenn sie abends in ihrem Zimmer alleine war.
Durchgehend war ihre Brust wie zugeschnürt, als ob ihr die Luft wegbleiben würde, sie fühlte sich müde und erschöpft, den ganzen, langen Tag über.
Und die Tage konnten sehr lange werden.

Max seufzte.
Insgeheim wünschte sie sich, jemand würde bei ihr klopfen, jemand, den sie hereinbitten und der sie trösten konnte. Sie wünschte sich eine vertraute Schulter zum Ausweinen. Sie wollte nicht alleine sein. Aber alle, von denen sie vermutet hätte, dass sie vorbeikommen würden, hatten dies bereits getan, ohne dass sie es bewusst miterlebt hatte.
Kate, Alyssa und Warren waren die ersten gewesen. Sie hatten wohl relativ bald erfahren, dass das blauhaarige Mädchen, dass am Montag vor einer Woche einen so tragischen Tod hier in der Academy gefunden hatte, früher einmal ihre Freundin gewesen sein musste, denn sie hatten Max – wie diese herausgefunden hatte – bald aufgesucht und Max ihr Mitgefühl ausgesprochen. Ein paar andere Studenten hatten sich auch einmal nach ihrem Befinden erkundigt, teilweise Menschen, von denen sie noch nicht einmal die Namen wusste. Natürlich hatten auch ihre Eltern angerufen. Das wusste sie allerdings nur aus dem Gesprächsverlauf ihres Handys.

Es war irgendwie merkwürdig, nachträglich rekonstruieren zu müssen, was sie selbst die ganze letzte Woche über alles getan hatte, seitdem ihre Freundin Chloe erschossen worden war.
Max hatte diese Woche schließlich nicht bewusst miterlebt, sondern war erst wieder an der Klippe zu sich gekommen, Freitagabend, beim leuchtenden Sonnenuntergang. Ein Schauspiel, das auch sicherlich die sonst so harte Chloe Price als „wunderschön“ bezeichnet hätte. Es fühlte sich ein bisschen so an, als hätte man ihr die letzte Woche ihres Lebens gestohlen, was auf der einen Seite stimmte, denn sie hatte diese Tage nie erlebt.
Auf der anderen Seite hatte sie so viele Erinnerungen an Dinge, die gar nicht geschehen waren, Dinge, an die sie sich glasklar erinnern konnte, die allerdings nicht wirklich „real“ waren. Nicht wirklich passiert.
Nicht in dieser Wirklichkeit.

Max schluchzte. Sie wollte nicht, dass die anderen sie hörten. Am Tag der Beerdigung, an ebendiesem Freitag, war sie innerlich so zerrüttet, zu verstört und nahezu unfähig gewesen, zu weinen. Zu mitgenommen von ihrer finalen Reise durch die Zeit, zurück an den Anfang der Woche – ihre allerletzte Reise mithilfe ihrer Kraft.
Sie hatte nichts getan, hatte ihre Freundin einfach sterben lassen. Sie hatte gar nichts unternommen. Das war das Schlimmste, fand Max. Sie hatte nichts machen können, durfte nichts tun. Damit ihre Heimatstadt nicht von einem gewaltigen Tornado in Trümmern geschlagen wurde. Wie konnte so etwas nur real sein? Wie konnte man das nur von ihr, von überhaupt irgendjemandem verlangen?

Sie hatte Chloe nicht aufgeben wollen, und hätte ihre Freundin es nicht selbst vorgeschlagen, als sie ihren verzweifelten Wunsch geäußert hatte; und hätte sie ihr nicht im strömenden Regen Max‘ eigenes Foto überreicht – dann hätte Max das niemals getan. Sie hätte mit dem leben müssen, was sich vor ihren Augen abspielte.
Sie hatte ihre Freundin so lieb gehabt und sie hätte sie niemals geopfert.

Max hatte schon das eine oder andere Mal seit Freitag versucht, die Ansicht anzunehmen, dass sie gewissermaßen keine echte Wahl gehabt hatte – denn was war schließlich, nachdem sie Chloes Angebot gehört hatte, schon das Leben einer einzelnen gegen das einer gesamten Stadt, gegen das der Menschen ihrer Heimat Arcadia Bay? Wie vermessen müsste jemand sein, seine eigene Freundin hunderten von unschuldigen und ahnungslosen Menschen vorzuziehen?

Und doch: Sie hatte sich keinen Sturm gewünscht. Sie hatte niemandem darum gebeten, dass durch einen außer Kontrolle geratenen Schmetterlingseffekt ein derartiges Monstrum entstünde. Sie hatte sich das Ganze nicht ausgesucht und wenn das Schicksal oder ihr schlechtes Karma oder was auch immer der Ansicht war, es müssten für ihre Manipulation der Zeit solche Konsequenzen geschehen – dann wäre das eben so, verdammt nochmal. Sie müsste sich keine Schuld vorwerfen, sie hatte nicht verwerflich gehandelt, zumindest hatte sie sich darum bemüht; und es hatte schließlich nicht in ihrer Absicht gelegen.

Aber das war nicht die ganze Wahrheit. Sie hätte sich definitiv vorgeworfen, was auch immer passiert wäre, und etwas in ihrer Seele suggerierte ihr, dass dies auch nicht völlig zu Unrecht geschähe. Was war mit ihren Visionen? Waren sie nicht Warnung genug gewesen? Was war mit ihrem Nasenbluten, was mit den verschwimmenden, flimmernden Wahrnehmungen der Welt, wenn sie in Bilder reiste – deutliche Zeichen dafür, dass sie etwas Unnatürliches, etwas Illegitimes tat! Hätte sie nicht spätestens da bemerken müssen, dass sie mit etwas spielte, das sie nicht verstand und das böse enden würde?

Sie hätte sich ihr Leben zur Hölle gemacht. Sie hätte sich Selbstvorwürfe gemacht und sich zum Weinen gebracht, immer und immer wieder. Das wusste sie. Dafür kannte sie sich zu gut. Spätestens seit dem furchtbaren Alptraum am Freitag, bei dem ihr früheres Ich sie beleidigt und beschuldigt hatte, wusste sie, wozu ihre destruktive Seite fähig war.

Viel schlimmer noch – sie hätte Chloe da mit hineingezogen! Ihre Freundin war auf ihre Art ein harter Knochen, ohne Frage, und sie hatte schon fünf Jahre lang Übung darin, Dinge an ihr wie Wassertropfen abperlen zu lassen. Oder es zumindest zu versuchen. Aber sie hätte es sich nicht vergeben, dass sie der Grund gewesen wäre, weshalb ihre Heimatstadt den Tod gefunden hätte. Die Gewissheit, dass Arcadia Bay vernichtet würde, weil sie, Chloe, leben und atmen durfte, hätte sie mit einem Gefühl der Schuld aufgeladen, das sie kaputt gemacht hätte. Max hatte ihre beste Freundin noch nie so sehr zu allem entschlossen gesehen, wie in diesem Augenblick, als sie Max das Schmetterlingsfoto in die Hand gedrückt hatte.

Auch Chloe hätte sich ihr Leben lang Vorwürfe gemacht, der Todesengel für so viele Leben gewesen zu sein, ohne etwas Verwerfliches getan zu haben. Und das hatte sie einfach nicht verdient.
Könnte man unter diesem Umständen nicht davon sprechen, dass sie sich ‚richtig‘ entschieden hätte?
Nein. Denn es fühlte sich alles andere als richtig an. Ganz im Gegenteil.
Heute war Mittwoch, noch keine Woche war seit dem Tag von Chloes Beerdigung vergangen, seit dem Tag, an dem sie sich letztendlich trotz allem „Lebewohl“ sagen mussten; und Max‘ Heulkrämpfe hatten sich seitdem stetig verschlimmert.
Miss Grant hatte ihr gesagt, das sei vermutlich dem Schock geschuldet, der erst langsam abflaute und nach und nach der Trauer Raum ließ. Der Seelsorger der Blackwell Academy hatte sich ähnlich geäußert. Mochte sein, dass es so war.

Max vermisste ihre Freundin. Sie hatte sich oft bewusst gemacht, dass Chloe, als sie starb, überhaupt nicht gewusst hatte, was geschehen war, was Max und sie selbst in dieser Woche alles hätten erleben können. Was sie erlebt hatten – irgendwie.
Ihre Freundin hatte sie noch nicht einmal sehen, noch nicht einmal in die Arme schließen können. Sie wusste nicht, dass Rachel nicht mehr zurückgekommen wäre. Und dabei hatte sie doch nur gehofft, für ihre Liebe und sich selbst ein wenig Geld zu bekommen. Für L.A. Ihren Traum. Sie war durch einen Unfall gestorben, ohne ihre Familie, ohne Freunde.
Ohne Max an ihrer Seite.
Wieso geschahen solche Dinge? Was hatte Chloe getan, um so etwas erleben zu müssen?
„Chloe…“, weinte Max in ihr Kissen.
Dann erhob sie ihren Kopf, rieb sich die roten, verweinten Augen und sagte schwach, mit brüchiger Stimme, ihren Blick aus dem Fenster in die Ferne schweifen lassend: „Ich hoffe, dass es dir jetzt gut geht und doch lachen kannst. Da, wo du jetzt bist.“

Max hätte gerne mit jemandem über ihre Erlebnisse gesprochen. Mit jemandem, der sie auf irgendeine Weise verstehen konnte. Die einzigen Menschen, die sie vermutlich nicht direkt für verrückt erklären würden, waren Kate und Warren. Sie vertraute ihnen, keine Frage, und sie könnten beide jedes Geheimnis für sich behalten, wenn Max sie darum gebeten hätte, aber…irgendwie fühlte sie sich mulmig bei dem Gedanken, jemanden in ihre nicht wirklich geschehenen Erinnerungen einzuweihen. Sie fühlte sich dumm wegen dieses Gefühls – es wäre vielleicht in ihrer Lage das Beste gewesen, was sie hätte tun können; sicher besser, als alles mit sich selbst auszumachen.

Aber es waren irgendwie Chloes und ihre persönlichen Erlebnisse, ihre persönlichen Erinnerungen gewesen, und so wunderbar und vertrauensvoll Kate und Warren auch waren; sie hatte Hemmungen davor, ihre „privaten“ Erlebnisse mit ihnen zu teilen.
„Ja, genau, versuch‘ eben für den Rest deines Lebens irgendwie so damit klarzukommen, Super Max!“, hatte ihre zerstörerische Seite sie aufgezogen.
„Mal sehen, wie lange es dauert, bis du vollends durchdrehst.“
Vielleicht würde sie doch noch mit einem von den beiden sprechen. Chloe hätte gewollt, dass es ihr gut ging, da war sich Max sicher und durch ein solches Gespräch hätte sie sich gewiss besser gefühlt. Aber noch war die Zeit nicht reif dafür.

Ihre Tränen hörten langsam aber sicher auf, zu strömen, und versiegten schließlich. Ihr Blick wanderte in ihrem Zimmer umher, streifte ihren Teddybären, ihre Gitarre, auf der sie gefühlt schon ewig nicht mehr gespielt hatte, und schließlich zu ihrer lieblos in die Ecke gepfefferte Tasche. Sie seufzte noch einmal.
Biologie und Englisch standen für heute an.

Nahezu alle ihre Lehrer hatten ihr angeboten, sie müsse fürs Erste ihre Hausübungen nicht oder nicht zu einhundert Prozent machen, angesichts der schwierigen Umstände, die sie gerade durchlebte. Sie hatte stets genickt, alle Angebote dankbar angenommen. Aber sie versuchte doch, nicht alles schleifen zu lassen. Auch wenn es sie aktuell nicht im Mindesten interessierte, was tierische von pflanzlichen Zellen unterschied oder welche Ausdruckskraft Gerundien und Infinitiv-Konstruktionen hatten – es lenkte doch irgendwie ab. Lenkte ab von ihrer allgegenwärtigen Traurigkeit. Sie hatte Chloe Price so, so gern gehabt, schon immer, seit sie Kinder gewesen waren, und diese Woche hatte das mehr als bestätigt.
Und nun war sie fort.
Für immer. Und sie würde nie zurückkommen.

Irgendwie hatte Max es zwar schon geahnt, dennoch hatte sie es am Freitagabend noch einmal ausprobiert, nur, um die Bestätigung zu bekommen. Ihre Kräfte waren verschwunden. Sie konnte weder die Zeit um Augenblicke zurückspulen noch durch Bilder in die Vergangenheit reisen. Das war dann wohl der Deal.
Kein Zeitreisen mehr, keine Chloe mehr.
Dafür kein Sturm und ein Zuhause, hier in Oregon.
Nicht, dass sie noch ein großes Bedürfnis gehabt hätte, von ihren Kräften jemals wieder Gebrauch zu machen - nach allem, was passiert war. Es fühlte sich auch irgendwie gut, irgendwie einfach normal an, beim Heben ihrer Hand kein Kribbeln in den Fingerspitzen zu spüren. Sich Bilder anschauen zu können, ohne dabei ferne Stimmen flüstern zu hören. Ohne, dass die Welt verschwamm und flimmerte, ohne dass alles dunkel wurde und dann wieder schlagartig hell… Ohne, dass sie am Ende irgendwo in der Vergangenheit war. Sie war wieder ein normaler Mensch. Naja, dachte sie, zumindest so halbwegs normal.

Dieser Gedanke holte sie ein wenig aus ihrem Kummer heraus. Das Leben war richtig ungerecht; wenigstens würde es keine weiteren durch sie verschuldeten Ungerechtigkeiten mehr geben, jetzt, da sie den Lauf der Welt nicht mehr beeinflussen konnte – jedenfalls nicht mehr auf diese Weise.

Max rieb sich die Augen, erhob sich vom Bett und nahm ihre Tasche aus der Ecke. Sie nahm ihr Englischbuch heraus und legte es auf den Schreibtisch. Dann kramte sie ihr Mäppchen und einen Block hervor, legte beides daneben und setzte sich ohne große Motivation auf den Schreibtischstuhl. Sie fühlte sich elend. Am liebsten wäre sie aufgesprungen, hätte alles stehen und liegen lassen und wäre gegenüber zu Kate gegangen. Kate war eine dieser Personen, mit der man auch ganz wunderbar schweigen konnte und Max wollte im Moment gar nicht viel reden, sondern nur bei ihr sein, ihre Anwesenheit und ihr Mitgefühl spüren und vielleicht zusammen mit ihr Kates Kaninchen Alice füttern.
Kate war allerdings noch im Hauptgebäude der Blackwell Academy, das wusste Max, weil sie zu dieser Zeit noch mit ein paar anderen Studentinnen über ihren Aufgaben schwitzte. Englisch und Biologie machte Max lieber alleine. Englisch war ein Laberfach, und Bio bestand eigentlich größtenteils aus Lesen und Zusammenfassen. Das machte Max lieber ungestört. Vorausgesetzt, sie fand überhaupt den Elan, die Fächer anzugehen.
Lustlos blätterte sie ein wenig in ihrem Buch herum und beobachtete die Seitenzahlen, welche wie bei einem Daumenkino beim Durchrauschen der Seiten kontinuierlich wuchsen.

Als sie ihren Blick noch einmal durch ihr Zimmer schweifen ließ, fiel ihr die Ecke eines Pappkartons ins Auge, der unter ihrem Bett hervorlugte. Er enthielt ein paar Fotos von früher, die sie mitgenommen hatte, als sie vor einigen Monaten nach Arcadia Bay gekommen war. Jetzt bewahrte sie diese Bilder unter ihrem Bett auf. Sie hatte sie sich oft angesehen, offenbar auch in der letzten Woche, die sie nicht bewusst erlebt hatte, denn für gewöhnlich stand der Karton komplett unter dem Bett. Nun aber schaute eine Ecke heraus und der Karton schien sich Max nahezu anzubieten.

Merkwürdig, dass er ihr nicht schon früher aufgefallen war, dachte Max. Sie war zwar keine Perfektionistin, was Aufräumen und Sauberkeit anging, aber ihre Mutter hatte mit ihrem Sinn für Ordnung durchaus etwas auf sie abgefärbt. Eigentlich hätte sie den Karton schon längst bemerken und mit einem Schubs zurück unter ihr Bett befördern müssen.

Nun aber stand sie auf, kniete sich neben das Bett auf den Teppich und zog den Karton hervor. Vermutlich würde es sie nicht gerade aufheitern, wenn sie sich jetzt Kinderfotos ansah, so vermutete sie, aber das war es ihr wert. Sie wollte sie gerne noch einmal anschauen. Wollte sich noch einmal erinnern. Noch einmal richtig, nicht als Max im „Robotermodus“, wie es wohl letzte Woche der Fall gewesen sein musste.

Sie öffnete den Deckel vorsichtig und hob den Stapel Bilder mit beiden Händen heraus. Sie waren schon etwas zerknickt – „zerlebt“, hätte ihre Mutter gesagt – und Max legte sie vorsichtig nebeneinander auf dem Teppich ab. Ein Foto nach dem anderen fügte sich zu einem großen Mosaik aus Erinnerungen zusammen und sie behielt Recht. Tränen sammelten sich in ihren Augen.
„Ach, Mann“, seufzte sie.
Chloe und sie im Wohnzimmer der Familie Price, mit Pfannkuchen auf den Tellern am Tisch sitzend, hungrig wie Löwen.
Max am Strand, in ein Handtuch eingewickelt, Chloe hinter ihr, vor einer kleinen, kalten Welle flüchtend.
Sie selbst mit Augenklappe und ihre Freundin mit ihrem viel zu großen, aber heiß geliebten Piratenhut auf dem Kopf und dem dazugehörigen Plastiksäbel in der Hand.
Max bewahrte eines der Bilder davor, von einer Träne nass zu werden.

Plötzlich jedoch stutzte sie. Das Foto hier – das kannte sie gar nicht…
Sie legte die anderen Bilder ab und betrachtete dieses eine Foto genauer. Nein, es kam ihr gänzlich unbekannt vor. Sie hatte es mit ziemlicher Sicherheit nicht selbst geschossen und sie wusste auch auf Anhieb nicht, wer es sonst geschossen haben sollte.
Seltsam, dachte Max, sie hatte geglaubt, sie kenne die Fotos inzwischen gut genug; doch offenbar hatte sie dieses hier nicht mehr auf dem Schirm gehabt.
Das vermutete sie, bis sie ein paar Fotos später einen ähnlichen Eindruck hatte.
Sie kannte auch dieses Foto nicht.

Sie runzelte die Stirn. Was war denn nur mit ihr los? Das war noch nicht einmal ein Foto aus Kindertagen, darauf sah sie nahezu so aus wie im Augenblick. Hatte die fremde Max der letzten Woche etwas durcheinandergebracht? Eifrig durchsuchte sie auch die restlichen Fotos nach solchen Sonderlingen und fand tatsächlich noch drei weitere Bilder, die ihr unbekannt vorkamen. Sie legte sie etwas abseits des Mosaiks aus bekannten Erinnerungen ab.

Als sie sich die fünf seltsamen Schnappschüsse noch einmal genauer ansah, stockte ihr der Atem. Sie stand ruckartig auf, sprang beinahe in die Senkrechte und trat einen Schritt zurück. Das konnte doch nicht sein!
Einige Fotos zeigten sie und Chloe – eine blauhaarige, neunzehnjährige Chloe – aus einer Perspektive, aus der weder sie noch ihre Freundin, noch jemand anderes ein Foto hätte schießen können. Wie also waren diese Bilder entstanden und wie kamen sie in ihre Sammlung?
Ihre Tränen versiegten. Plötzlich hatte sie Angst.
Angst, etwas Wichtiges verpasst zu haben, als sie letzte Woche „auf Autopilot“ gewesen war. Oder noch schlimmer – als sie es nicht gewesen war. Was hatten diese Bilder zu bedeuten?
Sich langsam beruhigend kniete sie sich wieder zu den Fotos auf den Fußboden.
Und nun erst fiel ihr etwas auf, was sie zuvor nicht im Mindesten beachtet hatte: Die fünf ihr gänzlich unbekannten Fotos waren heller als die übrigen Bilder, wirkten irgendwie lebendiger, wacher. Sie sah genauer hin. Es schien, als würden die Farben pulsieren, als würden sie von innen heraus leuchten.

Und ihr fiel noch etwas auf, das ihr nun endgültig das Blut in den Adern gefrieren ließ. Als sie ganz nah an die Bilder heranging, als sie die Gesichtszüge der Personen deutlich ausmachen konnte, da hörte sie leise, entfernte Stimmen aus den fünf Bildern, die vertraut und fremdartig zugleich klangen.
Dies ist das erste Kapitel einer deutschen Fanfiction-Geschichte zum fünfteiligen Videospiel "Life Is Strange" (LIS).
Natürlich kann die Geschichte auch ohne Kenntnis des Spiels gelesen werden, allerdings empfiehlt es sich, zumindest die grobe Handlung der fünf Episoden zu kennen. :)

Die Geschichte setzt einige Tage nach dem Freitag an, an welchem die Geschichte des Spiels endet - und zwar nach der Entscheidung für Arcadia Bay.

Kapitel 2: fav.me/da7p9t2
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