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Neue normative Verhaltensmuster

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By Lodrice   |   Watch
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Published: November 18, 2015
Drei Kreisel die im Gleichschritt die Passagen entlangliefen und dabei so einige Blicke auf sich zogen.

Verrückt so schien es uns allen, dass es für sie wohl kein Problem war, so angestarrt zu werden. Zugegeben, es war wohl verständlich, dass wir alle solche Augen machten, hatte doch wohl keiner von uns bisher Kreisel laufen sehen. Kreisel hatten eigentlich zu kreiseln, so wie Läufer nunmal liefen. Nachdem nun also die Kreisel liefen, fingen alle Läufer an zu kreiseln. Das sah sehr merkwürdig aus. Ich versuchte, meine Konzentration auf etwas anderes zu lenken. Schnee, der eigentlich im Sommer nicht fällt, fiel uns ins Gesicht. Einem brach die Nase und er begann zu singen. Das ist nicht die normale Reaktion auf eine gebrochene Nase, dachte ich mir, allerdings bricht normalerweise auch keine Nase durch Schnee. In diesem Fall ist dann vielleicht auch der Gesang angebracht. Dass in diesem Moment auch noch das Klavier, das aus dem 3. Stock über mir aus dem Fenster direkt auf die Straße gefallen war, zu spielen anfing, erleichterte mir die Situation jedoch nicht. Am Besten sollte man an so einem Tag einfach nach Hause gehen und sich hinlegen. Ich begab mich also auf den langen Weg immer die Straße runter, wie eine Rutsche. Das erinnerte mich an den Schwimmbadbesuch, bei dem ich das Vergnügen hatte, mitten in ein Becken voller Haie zu springen. Warum es solche Becken im Schwimmbad gibt, ist mir bis jetzt ein Rätsel. Der Bademeister erklärte mir das folgendermaßen, dass damit die Achtsamkeit der Schwimmbadbesucher gefördert werden würde, da nun keiner mehr ohne Vorsicht in die Becken springen könne, ohne Gefahr zu laufen, in einem Becken voller Haie zu landen. Das würde die Unfälle im Schwimmbad auf ein Minimum begrenzen. Radikale Ansichten, dachte ich damals, heute verstehe ich den Bademeister. Worte helfen nunmal nur in den seltensten Fällen, ein achtsamer Mensch eine Seltenheit. Da muss schon so manches Mal zu außergewöhnlichen Maßnahmen gegriffen werden. So wie ich in diesem Moment. Gerade rammt ein Fahrradfahrer von rechts ein Auto, was sich daraufhin schwer verletzt. Ich, auf der Höhe meines sozialen Gerechtigkeitsbewusstseins will sofort den Fahrradfahrer zur Rechenschaft ziehen. Im Hintergrund verblutet das Auto, während ich den Radfahrer wüst beschimpfe, ihn einen unachtsamen Trottel nenne. Damit ist meinem Gerechtigkeitssinn genüge getan und ich spaziere die Straße weiter, meinem Haus entgegen. Dabei schweifen meine Gedanken ab, ich beginne über die Zeit nachzudenken. Wie man so ohne weiteres aus der Vergangenheitsform in die Gegenwart überschweifen kann, ohne es wirklich zu merken, bis es dann zu spät ist und man elendlich krepiert. Denn Zeit ist doch irgendwie was merkwürdiges, so gar nicht verständlich. Wie kann man da sein Sein einer Zeit zuordnen wollen, und sagen, dies wäre die Vergangenheit, das die Gegenwart. Ich lief beziehungsweise laufe oder bin sogar gelaufen, so genau weiß ich das nicht mehr, gegen einen Laternenpfahl. Das passiert, wenn man so wichtige Gedanken denkt, das einem der Blick für die Realität verloren geht. Mit einer großen Beule im Gesicht und deutlich weniger Lust, noch weiter nachzudenken, bestreite ich die letzten Meter zu meinem geliebten Heim.
Fabelhafterweise gehört das ganze Haus mir. Nicht ganz so fabelhafterweise besteht das ganze Haus aus genau zwei kleinen Räumen, wovon der Eine eine Toilette ist. Ich sinke in den Sessel an meinem imaginären Kamin und esse ein leckeres, eingebildetes Abendbrot. Danach bin ich so voll, dass ich wie ein Stein in mein Bett falle und mich kaum noch bewegen kann. Verstärken tun dies auch die Fesseln um meine Handgelenke und Beine, die mir der merkwürdige Mexikaner jeden Abend vor dem Schlafengehen anlegt. Die sein zu meiner eigenen Sicherheit, sagt er, verstehen kann ich das nicht. Da mir die Realität in diesen Momenten, wo ich gefesselt und vollgestopft im Bett liege, nicht sonderlich gefällt, schweife ich in meine Fantasiewelt ab. In dieser bin ich jedoch gerade gestorben und da ich nicht an ein Leben nach dem Tod glaube, ist auch diese Welt nicht sonderlich spannend. Dann doch lieber ein kleines Nickerchen, danach dann mit frischer Kraft in einen neuen Tag starten.
Achtsamkeit, Geduld, Mitgefühl sind die Stichworte, die mir als erstes einfallen. Ich stehe auf. Ich ziehe mich an, ohne mich jemals ausgezogen zu haben. Ich speicher das unter "merkwürdig" ab, dann setze ich mich an meinen Frühstückstisch und esse, heute gibt es einen leckeren Buchstabensalat. Leider schmecken mir die Vokale nicht so gut, akribisch sortiere ich sie aus den Konsonanten heraus, jtzt st dr Bchstbnslt lckr. Okay, manchmal geht die Fantasie mit mir durch, ich weiß. Ich habe gar keinen Buchstabensalat im Haus, ich muss mich mit Müsli und einem Orangensaft begnügen, auch okay. Nach dem Frühstück setze ich meine Beine in Gang. Heute ist ein ausgiebiger Spaziergang durch die Downtown meiner Gefühlswelt geplant. Dafür muss ich mir spezielles Schuhwerk anziehen, denn die Wege dort sind steil und nicht ungefährlich. Doch es ist ein besonderer Ort, ein Ort voller Wunder und ich würde es mir nicht im Traum einfallen lassen, diesen Ort zu meiden. Voller Vorfreude beginne ich meine Wanderung in das, was nicht zu beschreiben ist, da Worte etwas mit Verstand zu tun haben. Und um die Gefühlswelt betreten zu können, ist als erstes erforderlich, seinen Verstand abzulegen. Damit jedoch wird gleichzeitig die Möglichkeit genommen, darüber berichten zu können. Lebe damit oder teste es selbst einmal.
Wie auch immer, von meinem Abstecher zurückgekommen, fühle ich mich leicht erschöpft aber glücklich. In den nächsten Tagen ist noch die Besichtigung der Gedankenmetropole geplant, ansonsten schwebe ich weiterhin in einem glückseligen Nichtstun. Nachdem ich mich ein wenig ausgeruht habe, denke ich über meine jetzige Situation nach. Ich könnte natürlich jetzt erstmal wieder in die Vergangenheitsform wechseln, überlegte ich langsam, allerdings nimmt das ein wenig die Spannung und Atmosphäre, weshalb ich dann doch bei der Gegenwart bleibe.
Dann fällt mir mit einem Mal auf, das meine Situation viel zu langweilig ist, als das man darüber lange nachdenken sollte, also suche ich mir ein interessanteres Thema. Was ist beispielsweise mit der Wahrheit? Also natürlich keiner konkreten, sondern einfach mit der abstrakten Idee als solchen. Nützlich oder nicht, relevant, gefährlich, schmerzhaft oder einfach nur ehrlich? Schmackhaft, unschön, nervig, langweilig, lächerlich, tödlich? Die Wörter fliegen so durch meinen Kopf, vielleicht ist ja was dabei. Das Denken scheint ja nicht so mein Ding zu sein, mehr als vollkommen unzusammenhängende, thematisch nur am Rande treffende Wörter fallen mir nicht zur Wahrheit ein. Vielleicht ist sie auch einfach nur viel weniger interessant, als man gerne annimmt?
Bruch. Nichtmehr denken bitte. Lieber wieder einen kleinen Spaziergang wagen. Die Frage ist nur noch, wohin? Passagen war gestern, Gefühlswelt heute morgen. Für den Nachmittag ein kleiner Gang durch den Park erscheint mir am besten, weil gemütlich und wenig anstrengend. Wenn es nur bitte nicht wieder Popcorn regnet und es dann wieder Streit gibt, ob man es salzen oder zuckern solle. Das war letztens echt nervig. Es hatten sich zwei große Parteien im Park gebildet, die "Zuckersüßen" gegen das "Salz der Erde". Beide beantspruchten für sich, das Alleinrecht auf das geregnete Popcorn und es nach ihren Vorstellungen zu würzen. Das Absurde an der ganzen Szene war, dass die Zuckersüßen ihr Popcorn unbedingt salzen wollten, während das Salz der Erde es zuckern wollte. Die Namensgebung beider Parteien beruhte auf einem ganz eklatanten Fehler der bürokratischen Einrichtung der Namensregistrierungsbehörde, die jedoch alle Schuld von sich wies.
Es lief darauf hinaus, dass der Bürgermeister kam und den Streit schlichtete indem er bekannt gab, dass das Popcorn weder gesalzen noch gezuckert werden würde, sodass alle gefallen an dem Popcorn finden könnten. Das Resultat war, dass niemand das Popcorn wollte, wer will das schon so ohne alles essen?
Wie auch immer, heute scheint es wohl keinen Popcornregen oder auch nur irgendeinen Regen zu geben. Es scheinen die Sonnen aus unterschiedlichen Richtungen in unterschiedliche Richtungen. Das ist ein kleines logistisches Problem, weil man so dauerhaft geblendet ist. Daher läuft derzeit eine Petition, die dazu aufruft, die überflüssigen anderen Sonnen zu eliminieren und nur eine übrig zu lassen, was "zur Erhellung unseres Planeten vollkommen ausreichend" wäre. Ich stehe solchen Petitionen da immer sehr skeptisch gegenüber.
Aber das mit dem geblendet werden ist schon ein wenig doof. Man kann den schönen Park kaum genießen, weil man kaum was sieht. Ich laufe gegen eine etwas dicke, recht schwabbelige Frau, merke dann jedoch, dass es sich um ein Hüpfburg handelt, die Kinder im Park aufgestellt zu haben scheinen. Da ich mich noch als Kind zähle, beginne ich in die Burg zu klettern und meine Hüpftalente zu testen. Die stellen sich als katastrophal schlecht heraus. Es erfordert unglaubliches koordinatives Geschick, eine Hüpfburg korrekt zu hüpfen, nur wahre Kinder haben darin eine Perfektion entwickelt, die sich mit den Jahren des Alterns jedoch immer weiter zurückbilden wird.
Schade eigentlich.
Der sich bildende Ersatz für Talente wie das Hüpfburgspringen ist maximal dürftig zu nennen. Er kleidet sich in Würde und Wichtigkeit, doch tarnt nur Unsicherheit und Angst.  Wie einfach und angenehm ist das Zufriedensein, das Freundlichsein, das Verstehen, wenn man einfach nur lebt. Alles wird  schwierig, kompliziert und unnahbar, wenn man anfängt zu denken. Anstatt die Einfachheit in seiner Schönheit und Gesundheit direkt vor sich stehen zu sehen und zu akzeptieren, gleitet der Blick daran ab und sucht verzweifelt nach etwas, an dem der Verstand sein zersetzendes Werk beginnen kann. Das ist auch der Grund, warum das Hüpgburghüpfen mit einem Mal so schwer fällt. Ich versuche zwanghaft zu hüpfen anstatt mich einfach hüpfen zu lassen.
Die Sonnen sind am untergehen, der Park inzwischen in ein einladendes, leicht romantisches Rot getaucht. Zwischen den Bäumen zwitschert so mancher dreiköpfiger Vogel ein kleines Lied vor sich her. Der Eismannverkäufer verkauft seinen letzten Eismann an ein kleines Mädchen, das vor Freude im Kreis herumhüpft. Ich wende meinen Blick ab und steuere auf eine Parkbank zu, die ein wenig abseits der Hauptparkwanderwege liegt. Parkbänke sind meist sehr stolze Wesen, die an den belebtesten Wegen stehen, sich präsentieren wollen und um die Leute buhlen. Jede Bank für sich nimmt den Titel "Gemütlichste und Einladenste Parkbank der gesamten Galaxie" in Anspruch. Mir sind diese Wesen nicht ganz geheuer, mit ihrer unglaublichen Selbstsicherheit und dem kaum verholenen Egoismus. Daher freut es mich um so mehr, eine Bank zu sehen, die etwas zurückhaltender zu sein scheint. Sie steht sehr weit in der Ecke, als ich mich auf sie zu bewege macht sie ängstlich ein paar Schritte rückwärts. Offensichtlich ist sie es nicht gewohnt, dass sich jemand zu ihr hin verirrt. Langsam, gut zuredend, gehe ich auf sie zu. Da kommen mit einem Mal zwei großjugendliche kleine Menschen angerannt, springen auf die Bank und lachen und schreien und machen generell unangenehm viele, viel zu laute Geräusche. Die Bank wirft mir einen traurigen, verzweifelten Blick zu, bevor sie sich in ihr Schicksal ergiebt. Ich verlasse den Ort des Grauens und resigniere. Irgendwie fühle ich mich hilflos.
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