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Einer dieser Tage

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By Lodrice   |   Watch
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Published: May 16, 2019
In manchen Momenten ergreift es mich, packt mich an dem Innersten meines Wesens und rüttelt mich wach. Dann stehe ich auf mancher Straße und blicke wie von außen auf mein Leben, ein Fremder im eigenen Körper, ein unbeteiligter Geist im Augenblick des Sturzes, doch gleichzeitig leicht und unbeschwert, seltsam sorgenlos, gedankenlos, schmerzlos.
In diesen Augenblicken könnte mir alles passieren, mit stoischer Gleichmütigkeit würde ich es durchstehen können, denn in gewisser Weise ist es nicht mehr ich, dem die Dinge widerfahren oder es ist doch ich, doch auf den innersten Kern zusammengeschmolzen, auf das, was zählt und damit unberührbar, von äußerem abgeschirmt, dem Leben entrückt und doch näher, als je zuvor.

Eine bleiche Straße liegt vor mir, von einer Sonne beschienen, so anonym und lebensfern wie ich, nur da, ohne gefallen zu wollen, ohne überhaupt sein zu wollen und doch zu sein, weil es eben so ist und warum etwas ändern was nicht weiter stört und wenn es jemanden stören würde, er müsste es nur sagen und ich würde es ändern.
Warum ich hier lang spaziere? Eigentlich will ich ein paar Freunde besuchen, doch mir fällt nicht mehr ein was das eigentlich ist, ein Freund. Mit fehlender Verwunderung frage ich mich, warum ich ein Bein vor das andere setze, mich fortbewege, wo ich doch genauso gut stehen bleiben könnte, verbrannt von der Sonne darauf wartend zu verdursten und zu verwelken wie die Orchidee in meiner Wohnung, die eines Tages einfach tot war, sie hätte wohl Wasser benötigt, doch woher sollte ich das wissen?
Vielleicht war sie auch gar nicht tot, vielleicht besaß ich gar keine Orchidee, vielleicht besaß ich auch keine Wohnung, in der die Orchidee hätte stehen können, vielleicht gab es nur diese Straße und diese Sonne und diesen einen Moment, der schon wieder vorbei war.

Um dem Wahnsinn der Realität zu entfliehen denke ich mir eine Geschichte aus, ein Märchen, mit mir als Hauptfigur. Was für eine schöne Geschichte. Sie beginnt mit der Geburt und bringt mich zu diesem Moment, sie wird immer weiter gesponnen, sie ist es, die mein Wesen ausmacht, doch gerade in diesem einen Moment ist sie weg. Ich besitze keine Vergangenheit, keine Zukunft, keine Familie, keine Freunde oder Bekanntschaften, was ich besitze steht hier verloren auf einer mir unbekannten Straße und ist so wenig, wie nur irgendwie vorstellbar. Wenn ich es versuche zu greifen, entgleitet es meinen imaginären Händen wie Wasser und was bleibt ist das Bild einer Seele ohne Identität. Ich lehne mich an einen Baum, der mir mit seiner Realität Angst macht, seine raue, trockene Rinde berührt meine tote Hand.
Zärtlich streichelt mich ein Windhauch, lässt meine Haare tanzen und kühlt meinen Kopf. Wind und Baum sind da und ich bin ihnen gleichgültig - was ein tröstlicher Gedanke, dass sie auch da sein werden, wenn ich verschwunden bin. Da erlebe ich für einen winzigen Augenblick ein Stück Wahrheit, abseits aller egozentrischer Blendung und mir wird klar, dass mein Leben eine Sünde ist, durch nichts zu rechtfertigen und erst recht nicht wieder gut zu machen. Ich drehe um, meine Schritte führen mich präzise nach Hause. Ich werde die Tür verschließen und nicht mehr aufmachen, bis ich zurück in meine Welt gefunden habe.
© 2019 - 2020 Lodrice
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