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Dein Tempel

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By Lodrice   |   Watch
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Published: May 18, 2016
Wenn im großen Tempel die Lichter ausgehen, dann ist es Zeit zu schlafen. Wie ein großer Falke bricht die Nacht herein, voller düsterer Bilder, Ahnungen, Ängste und Begierden.
Die Nacht verbringt man nicht allein. Dass wir alle immer und ohne Ausnahme alleine sind, das vergisst man besser schnell oder sagt es zumindest nicht allzu laut. Einsamkeit, nachdenken, Melancholie macht hässlich. Niemand möchte gerne hässlich sein und niemand möchte gerne alleine sein. Darin sind sich alle einig und so fallen keine kritischen Worte, wenn sich bei einsetzender Dämmerung die braven, geistlosen Kreaturen an den kurzen Aufstieg zum großen Tempel machen. Den Tag über, wo die Sonne scheint, darauf begierig, die Herzen mit Freude zu füllen, da gilt es für die Menschen wichtige Arbeiten zu erfüllen. Gebannt sitzen sie vor ihren Geräten, Bildschirmen, Computern in dunklen, verstaubten Buden, die schwarzen Vorhänge vor unerwünschten Sonnenstrahlen stets vor dem Fenster. Arbeit ist Leben und gute Arbeit ist gutes Leben. Frei nach dem Motto: jeder ist für sein eigens Glück selbst verantwortlich, darf sich jeder selbst ausbeuten. Große Fortschritte verlangen große Opfer. Ich schweife ab.

Nachdem also die Sonne hinter den weiter entfernten Bergen zu versinken droht, wagen sich die Menschen langsam auf die Straße, den Blick dem großen Tempel zugewandt. In Kolonnen fließen Körper die Straßen entlang, während im Tempel langsam die Lichter aufflammen, die die Menschen wie die Motten anzieht. Ist Licht leben? Ist das ewige Hochgefühl ein erstrebenswertes Ziel? Wo bleibt die Abwechslung? Wer die Einsamkeit und den Schmerz nicht kennt, kann der das Glück würdigen? Wenn das Streben nicht das Ziel ist, sondern übersprungen wird, was kommt danach? Wenn dir vorgegeben ist, was Glück für dich zu bedeuten hat, beugst du dich dem? Mit Sicherheit nicht. Doch stell dir folgendes Szenario vor: Du willst selbst bestimmen, was dir wichtig ist, was du liebst und was du nicht leiden magst. Du willst unabhängig sein, deine eigenen Gedanken leben, individuell sein. Dich nicht lenken lassen. Das ist vorstellbar, nicht wahr. Stell dir vor, in diesem Streben gleichen sich fast alle Menschen. Stell dir weiterhin vor, auch ich weiß das. Ich liebe meine Macht. Ich genieße sie, ohne jedoch zu vergessen, wie leicht sie mir genommen werden kann. Ein einziger feindlicher Gedanke kann meine sorgsam errichtete Diktatur zum Einsturz bringen, wenn er nur auf genug fruchtbaren Boden stößt. Dessen bin ich mir bewusst. Glücklicherweise kenne ich ein wunderbares Mittel dagegen. Ich lasse es zu. Nein, keine Sorge, natürlich nicht wirklich. Schon wieder schweife ich ab.

Die Menschen betreten meinen Palast. Inzwischen sind alle Vorbereitungen fertig, eine alltägliche Routine, kein Problem. Es glänzt und schimmert, mein goldenes Licht erhellt den Tanzboden und wunderbare Musik schallt in einer Lautstärke durch das Gebäude, die jedes Gespräch unmöglich macht. Die Gäste wünschen sich das so, damit niemand in die unangenehme Situation kommt, mit seinem Gegenüber in ein verlegenes Schweigen zu geraten. Schweigen und Stille existieren nicht. Ich verbanne sie aus meinem Reich. Mit dazu verbanne ich: Unzufriedenheit, Einsamkeit, Melancholie, Traurigkeit, Leere, Langeweile und Sinnlosigkeit. Zu diesem Zweck gibt es für alle zu Beginn eine kleine Dosis einer wunderbaren Flüssigkeit, extrahiert aus purem Glück. Mehr braucht es nicht und uns allen geht es prächtig.
Irgendwann ist es Zeit zu schlafen. Die Droge hält nicht ewig und sobald die Wirkung nachlässt, sollten alle schön in ihren Bettchen liegen. Die Dunkelheit ist böse und voller Schrecken und niemand möchte ihr ausgesetzt sein. Wenn also meine Lichter ausgehen, dann wirst du schon sicher in deinem Bett liegen und auf den neuen Tag warten.
Deine Freiheit ist mir ein Anliegen. Ich weiß, wie wichtig sie dir ist, also respektiere ich sie. Du bist frei darin, dich selbst auszubeuten. Ich halte mich da raus. Natürlich kannst du tun und lassen was du willst. Dir steht es frei, dein Leben zu nutzen, etwas daraus zu machen oder es faul zu vergeuden.
Hörst du das schlechte Gewissen in dir nagen, weil du heute nicht trainieren warst?
Spürst du das unangenehme Gefühl, weil du nicht  genug für deine Arbeit getan hast?
Solltest du heute nicht noch mindestens ein paar weitere Stunden darin investieren, dich selbst zu optimieren. Aus dir lässt sich doch bestimmt noch mehr heraus holen. Streng dich nur noch ein wenig mehr an, dann kannst du alles erreichen.
Viel Spaß mit deinem schlechten Gewissen,
dein Diktator
Comments2
anonymous's avatar
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Pereyga's avatar
PereygaHobbyist General Artist
Einige Stellen sprechen mir wirklich aus der Seele. Ich denke auch, dass die Fragen am Schluss wahrscheinlich nicht gerade wenige Menschen mit ja beantworten könnten.

"Viel Spaß mit deinem schlechten Gewissen,
dein Diktator" 
ist aber auch ein ziemlich schöner Schluss, muss ich sagen