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Das Lied von Laendrom - Ouvertuere der Nacht 1.2.

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(Fortsetzung von Kapitel 1.1)

Langsam öffnete Laryana die Augen. Saria hatte sich zu Derim gesellt und betrachtete sie unsicher, während Aya eher besorgt wirkte.
„Damit sind wir wohl quitt“, sagte Laryana und verzog das Gesicht. Ihr Hals fühlte sich noch immer an, als würde jemand danach greifen, doch der dröhnende Schmerz in ihrem Kopf hatte nachgelassen.
„Du hast gesagt, du seist anders. Was meintest du damit?“, fragte Derim.
Als sie versuchte, sich zu erheben, schob er das Schwert ein Stück näher und senkte die Brauen. Laryana hielt inne, dann ließ sie sich zurück an den Baumstamm sinken. „Nimm das verdammte Ding aus meinem Gesicht, dann können wir gerne reden!“, knurrte sie.
Derim öffnete den Mund, um eine bissige Antwort zu geben, doch dann fiel sein Blick auf die Striemen an ihrer Wange. Langsam ließ er das Schwert sinken. „Wieso ist das noch nicht verheilt?“, fragte er überrascht.
Reflexartig strich Laryana über die Wunde und betrachtete ihre Hand. Etwas Blut klebte daran. „Ich heile nicht so schnell wie sie“, erklärte sie widerwillig.
Als sie Derims fragenden Ausdruck sah, seufzte sie und spannte den Kiefer an. „In Ordnung. Wenn ihr es wirklich wissen wollt, erzähle ich euch alles, was ich weiß. Auch wenn ich nicht weiß, warum gerade du mir glauben solltest.“
Mit einem Stöhnen erhob sie sich, und diesmal hinderte Derim sie nicht daran. Sie warf einen kurzen Blick durch die Baumkronen auf den Himmel.
„Aber nicht hier. Zwar meiden die Naësari den Tag, doch der Himmel ist bedeckt, und der Wald bietet ihnen Schatten. Ich kenne einen Ort, wo wir sicher sind.“ Sie nickte in Richtung des Schwertes. „Wenn du dich damit besser fühlst, behalte es meinetwegen noch ein bisschen.“
Sie ließ ihre Schultern einige Male kreisen und strich über ihren Hals. Dann schaute sie sich suchend um und hob etwas vom Boden auf. Sie betrachtete es grimmig, bevor sie es geschickt in ihrem Stiefel verschwinden ließ.
Als sie nach ihren Gürteln griff, schien Derim versucht, etwas zu sagen, doch sie ignorierte ihn. Es war offensichtlich, dass sie ihre Waffen nicht zurücklassen würde.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sie die Gürtel wieder an ihrem Platz befestigt hatte. Ihre Finger glitten einmal über die glänzenden Messer, so als wollte sie sich vergewissern, dass sie noch alle da waren. Schließlich wandte sie sich ohne ein weiteres Wort nach Norden und verschwand im Wald.
Derim und Saria sahen sich unschlüssig an, dann ergriff Aya Sarias Hand.
„Kommt schon“, forderte sie ihre Geschwister auf und zog Saria mit sich.
Derim zuckte mit den Schultern, dann folgte er ihnen. Er hatte das Schwert. Und vielleicht lohnte es sich, der Fremden zuzuhören.


Laryana erholte sich schnell. Die Wunde in ihrem Gesicht war nun verheilt, wie Derim nach einem kurzen Seitenblick feststellte. Ein wenig Blut und Schmutz klebte dort noch, doch es schien ihr egal zu sein. Bei genauerem Hinsehen konnte er dunkle Schatten unter ihren Augen erkennen, so als habe sie seit einer Weile nicht mehr richtig geschlafen.
Erst jetzt bemerkte er, wie zerschlissen ihre Kleidung war. Hier und dort sah man Spuren von früheren Kämpfen, und ein tiefer Schnitt in ihrer linken Armschiene war nur notdürftig geflickt worden. Sie wirkte wie jemand, der schon eine ganze Weile hier in der Wildnis unterwegs war. Lediglich ihre Lederweste schien weitgehend unberührt.
Nachdenklich kaute er auf seiner Lippe. Nein, er traute ihr noch immer nicht, aber er war gespannt auf ihre Erklärung.
Zielstrebig führte sie die drei Geschwister durch den dichten Wald. Ihre Schritte waren entschlossen, dennoch bewegte sie sich völlig lautlos. Eine seltsame Anspannung umgab sie, und erst nach einer Weile wurde Derim klar, dass sie ununterbrochen lauschte und sich umsah. Wachsamkeit lag in ihren Augen.
Nach einer Weile hatten sie Laryanas Versteck erreicht. Sie verharrte vor einem Eingang, der von mehreren schweren Balken gestützt wurde und direkt in den Felsen führte. Es handelte sich um eine Art Höhle.
Derim sah genauer hin. „Eine Mine?“
Laryana nickte. „Eine der vielen verlassenen Silberminen hier im deranischen Gebirge.“
„Eine erschöpfte Mine meinst du wohl. Wieso sollte es hier sicher sein?“
Laryana lächelte humorlos, und ihre spitzen Zähne verliehen dem ganzen etwas Unheimliches. „Diese Mine mag vor langer Zeit aufgegeben worden sein, jedoch nicht, weil sie erschöpft war. Wir haben Glück, dass diese Gegend nicht mehr bewacht wird.“ Bevor Derim etwas erwidern konnte, war sie bereits in der Dunkelheit des alten Stollens verschwunden.
Zögernd traten die drei Geschwister in den düsteren Höhleneingang. Vor ihnen flammte eine Fackel auf und gab die Sicht auf grob behauene Steinwände und alte Holzbalken frei. „Hier entlang“, meinte Laryana und bedeutete ihnen zu folgen.
Nach einigen Metern erreichten sie eine größere Kammer. Hier hatte jemand ein Lager aufgebaut. Gestapelte Kisten bildeten eine Art Wand und in einer Ecke befand sich eine aus Blättern, Gras und einer alten Decke errichtete Schlafstätte. Unter einem schmalen Schacht, der durch das Gestein bis an die Oberfläche führte und ein wenig Licht hineinließ, war eine kleine Feuerstelle aufgebaut worden. Kalte Asche lag noch immer darin, und direkt daneben konnte man die Reste einer selbstgejagten Mahlzeit erkennen.
Laryana steckte die Fackel in eine Halterung und entzündete zwei weitere. Dann verschwand sie in einer Ecke und kramte in einer Ledertasche.
Saria und Aya ließen sich zögernd auf dem Boden nieder, während Derim Laryana aufmerksam beobachtete. Diese schien schließlich gefunden zu haben, wonach sie suchte. Derims Blick ignorierend ließ sie sich gegenüber von Aya und Saria nieder. In ihrer Hand hielt sie ein Buch, das recht alt zu sein schien.
Derim setzte sich zu seinen Schwestern, das Schwert über seinen Knien. „Was ist das?“
Statt einer Antwort hob Laryana behutsam den verblichenen Einband. Dann begann sie zu lesen:

Bevor das erste Wort gesprochen
Vor Sonne, Land, dem weiten Meer
Bevor das erste Lied gesungen
Bevor der erste Tag bezwungen
Ward alles grau, ward alles leer

Und Melem sang die ersten Lieder
Er schuf die ersten Melodien
Aus seinem Munde ewg’er Friede
Laëndrom schuf er aus dem Liede
Das Land in seinem Licht erschien

Und als das Wunder ward geschaffen
Da führte er sein Kind hinein
Der Mensch als Herrscher ward erkoren
Als Hüter ward er eingeschworen
Laëndrom sein Geschenk sollt‘ sein

Doch aus der Tiefe drangen Schatten
Der Finsternis ins Menschenherz
Edles Geschöpf, aus Licht geboren
Die Machtgier seinen Geist verworren
Der Mensch ward selbst sein schlimmster Schmerz

Und Krieg in trügerischem Zeichen
Am Bruder Unterdrückungstat
Damit der Streit zuletzt bezwungen
Und Trauerlied nicht mehr gesungen
Schuf Melem ihm nun weisen Rat

Er sah des Menschen edles Streben
Sein Herz dagegen zweigeteilt
So sang er in die Welt den Wächter
Der Menschensöhne, Menschentöchter
Zum Lehrer wurd‘ er ihm geweiht

Der Mensch sollt‘ sein des Tages Hüter
Der Wächter Herrscher für die Nacht
Dem Menschen sollt‘ er sein ein Leiter
In Not und Krieg sein starker Streiter
So ward der Naësaru gemacht

Derim sprang auf. Aber bevor er seinen Mund öffnen konnte, hob Laryana warnend ihre Hand und sah ihn eindringlich an.
„Hör zu, wie es weiter geht“, befahl sie ruhig.
Derim spürte eine bösartige Bemerkung auf seiner Zunge, doch schließlich setzte er sich wieder hin und betrachtete sie düster.
Laryana wandte sich erneut dem Buch zu:

Und Seit‘ an Seite herrschte Frieden
Sie lernten beieinander dicht
Bis eines Tages ward geboren
Ein Wächter, dessen Herz erfroren
Wie seine Brüder war er nicht

So focht er nicht in ihren Kämpfen
An Streit und Chaos freut‘ er sich
Und er befand des Menschen Leben
Als unwürdiges, schwaches Streben
Und tat den Frevel fürchterlich

Er trank in Gier der Menschen Blute
Rief um sich aus die Dunkelheit
Er spann den Schleier übers Lande
Die finstre Furcht, die bitt‘re Bande
Erstickte Licht und Herrlichkeit

Der Naësari düst‘res Schicksal
Sprach über ihnen aus den Fluch
Und er verdarb in Blutvergießen
Der Brüder und der Schwester Herzen
Wob über sie das Leichentuch

Und wir, die wir dem Leid entronnen
Des Blutes Ruf nicht untertan
Wir schlafen hier bis an den Tage
In ew’ger, trauervoller Klage
Bis unsre Blindheit abgetan

Ist nun der Wächter Lied verklungen?
Ist dies das Ende unsrer Zeit?
Das Blutgeschöpf in wildem Toben
Hat sich zum Herrscher selbst erhoben
Den Mensch zu schützen war sein Eid

Schweigen breitete sich in der kleinen Höhle aus. Das flackernde Licht der Fackeln ließ gespenstische Schatten auf Laryanas Gesicht erscheinen. Ihre roten Augen schienen zu glühen. Eine unbeschreibliche Traurigkeit lag darin, als sie so regungslos dasaß und auf das kleine Buch starrte. Traurigkeit und Zorn.
Schließlich räusperte Derim sich leise. „Ich verstehe nicht … Was soll das bedeuten? Was ist das für eine Geschichte? Ich meine, der Anfang kam mir bekannt vor. Es ist das Lied von Laëndrom, nicht wahr? Aber der Rest stimmte nicht.“
Laryana hob den Kopf und blinzelte, als habe Derims Stimme sie aus einem fernen Traum zurückgeholt.
„Das Lied von Laëndrom ist alt, sehr alt, und älter als das, was du vielleicht kennst. Es ist ein lebendiges Lied, das im Laufe der Zeit immer weiter wächst und die fortschreitende Geschichte der Menschen und Naësari erzählt. Allerdings hast du recht. Diese Version des Liedes ist eine sehr spezielle. Sie wird Das Lied Ereyas genannt. Ich fand dieses Buch vor einigen Jahren bei den Höhlen von Tanehu. Es gehörte einer Frau namens Ereya Kamun. Sie beschreibt darin die letzten Stunden, in denen ihre Gedanken noch ihr selbst gehörten, und die Ereignisse, die dazu führten.“
„Ereya.“ Derim legte die Stirn in Falten. „Der Name sagt mir etwas.“
„Sie war die Königin, bevor die dunkle Zeit anbrach“, sagte Aya leise.
„Königin von was? Von Nisirta vielleicht?“, fragte er.
„Nicht der Menschen. Die Königin der Naësari.“
„Königin der Naësari? Dann verstehe ich diese Geschichte noch weniger.“
„Es ist mehr als nur eine Geschichte“, sagte Laryana leise. „Und das ist auch erst der Anfang des Buches. Doch vielleicht sollte ich sie in meinen Worten erzählen.“
Saria rückte gespannt ein Stück näher, doch in Derims Gesicht lag Zweifel. „Wie kommst du an das Buch dieser Königin?“, fragte er forschend.
Laryana erwiderte seinen stechenden Blick gelassen. „Alles zu seiner Zeit.“ Behutsam legte sie das Buch auf ihren Schoß und begann: „Unter den Menschen erzählt man sich, die Naësari seien vor hundert Jahren plötzlich aufgetaucht und hätten den Krieg begonnen. Sie kamen aus dem Nichts und versklavten die Menschen, eine unaufhaltsame Welle der Dunkelheit und Furcht. Doch diese Geschichte ist nicht ganz richtig. Bis vor etwa 200 Jahren lebten Menschen und Naësari Seite an Seite. Die Könige und Fürsten der Menschen standen im ständigen Austausch mit den Herrschern von Travahel, und auch im übrigen Land gab es einige Dörfer, in denen Naësari wohnten. Die Naësari waren die Hüter der Menschen, Vermittler in Streitigkeiten und weise Ratgeber.
Aber mit der Zeit begannen Menschen und Naësari, sich voneinander zu entfremden. Die Naësari zogen sich schließlich vollständig vor den Menschen zurück und beschränkten sich auf ihre Hauptstadt Travahel. Der Grund dafür war ein Naësaru namens Parel, Sohn des Königs der Naësari. Er machte eine schreckliche Entdeckung. Er fand heraus, dass menschliches Blut einem Naësaru nicht nur Kraft, sondern auch Unsterblichkeit verleihen konnte. Den hohen Preis für diese Grausamkeit erkannte er allerdings zu spät: Er verfiel dem Wahnsinn, wurde machthungrig und seine Gier nach Blut wurde unersättlich. Dennoch gelang es ihm, sein Geheimnis zu bewahren, und der hohe Rat der Naësari kam erst nach vielen Jahren hinter seine Machenschaften. Man versuchte, den Schaden wieder gut zu machen, doch der Wahnsinn hatte Parel blind gemacht. Er proklamierte, die Naësari müssten sich über die Menschen erheben und sie beherrschen. Durch ihr Blut würden sie ewig leben und mächtiger sein als je zuvor.“
„Der Naësaru aus dem Tagebuch“, meinte Saria leise, doch Laryana schüttelte den Kopf.
„Nein, nicht ganz. Oder besser: Nicht nur. Parel wurde verurteilt und all seine Schriften verbrannt. Er war der erste Naësaru in der bekannten Geschichte, der jemals von seinem eigenen Volk hingerichtet wurde. Es war ein dunkler Tag für Travahel. Vor den Menschen wurde diese Geschichte geheim gehalten, und auch außer dem Hohen Rat wussten nur wenige Naësari davon. Man hoffte, dass Parel in Vergessenheit geraten würde und seine dunklen Erkenntnisse mit ihm den Tod gefunden hatten. Die Naësari beschlossen, es sei besser, den Menschen fern zu bleiben, um sie zu schützen. Sie zogen sich in das geschützte Tal von Travahel zurück, und irgendwann wurden sie zur Legende unter den Menschen.
Doch etwa hundert Jahre später fand sein Urenkel, Teneris Kamun, eine Schriftrolle, die Parel in einem Buch versteckt hatte, und erfuhr so von seinen Experimenten. Er war schon immer anders gewesen als die übrigen Naësari, und wie die Menschen die Naësari vergessen hatten, so waren die Menschen auch den Naësari fremd geworden. Ihre Rolle als Wächter und Beschützer war längst vergessen.
Und so fielen Parels Worte bei Teneris auf fruchtbaren Boden. Er beschloss, es geschickter als sein Großvater anzupacken, und schmiedete einen Plan. Eines Nachts schlich er zum Bett seines Vaters, des Königs, und tötete ihn im Schlaf. Daraufhin lud er alle hohen Beamten des Reiches, alle Fürsten und den Hohen Rat zu einer Trauerfeier in den Palast ein, die drei Tage dauern sollte. Er richtete ein großes Fest aus, ein Bankett für alle Bewohner des Reiches. Drei Tage lang vermischte er ihren Wein mit Blut, und am dritten Tag verkündete er ihnen, was er getan hatte. Da hatte es bereits seine Wirkung getan, und sie alle jubelten ihm zu als er ihnen sagte, dass es nun an der Zeit wäre, die Menschen zu versklaven, sie zu beherrschen und durch sie Unsterblichkeit zu erlangen. Doch da trat seine Mutter zu ihm.“
„Die Königin, Ereya“, murmelte Aya.
„Und da wurde die Schwäche seines Planes offenbar. Zwar waren alle Männer dem Blut verfallen, aber der Wille und die Widerstandskraft der Frauen waren stärker. Auch sie spürten diese Gier nach Blut und den aufsteigenden Wahnsinn in sich, doch zum Zeitpunkt seiner Proklamation hatten sie noch die Kraft, dagegen anzukämpfen. Und so verkündete seine Mutter ihm, er habe ganz Laëndrom ins Unglück gestürzt mit dem Frevel, den er begangen hatte, und eines Tages würde er einen großen Preis dafür zahlen müssen. Ereya jedoch sammelte die Frauen – die Naësarai – um sich, darunter auch Sora, die Frau des Prinzen, und ihre gemeinsame Tochter. Gemeinsam verließen sie Travahel, die einst so prachtvolle Stadt der Naësari. Sie zogen zu den Höhlen von Tanehu und verschlossen sie von innen mit Toren aus Silber. Dann braute Ereya einen Trank, der sie in einen tiefen Schlaf versetzen und in der Zeit einfrieren sollte, um so dem Fluch des Blutes zu entrinnen.
Die Naësari erkannten, dass sie ihre Frauen, Mütter, Töchter und Schwestern verloren hatten. Aber nun war es zu spät, die Höhlen von Tanehu waren versiegelt und kein Naësaru vermochte, sich ihnen auch nur bis auf wenige Meter zu nähern. Doch der Prinz schleuderte seiner Mutter nur einen Fluch hinterher. Er krönte sich selbst zum König und setzte sich auf den Thron seines Vaters.
Und dann begann der Krieg. Die Menschen waren völlig unvorbereitet. Viele von ihnen hatten die Naësari bereits vergessen, kannten sie höchstens aus Geschichten. Laëndrom begann, nach und nach unter Teneris‘ Herrschaft zu fallen. Er sorgte dafür, dass im ganzen Land kein Silber mehr abgebaut wurde und ließ allen Silberschmuck unter einem Vorwand einsammeln. Es gelang ihm, die Schwäche der Naësari vor den Menschen zu verbergen. Doch er traute nicht einmal seinen eigenen Leuten und erließ ein Gesetz, nach dem jeder Naësaru bestraft werden sollte, der Silber besaß. Denn auch dies war eine Folge ihrer Tat: Ihre Kraft wurde durch das Blut gestärkt, ihre Sinne geschärft, doch mit ihrer Kraft wuchsen auch ihre Schwächen. Deshalb scheuen die Naësari auch das Sonnenlicht, es bereitet ihnen Schmerzen. Auch mich schwächt es, wenn auch nicht so sehr wie sie.“
Derim hatte schweigend dagesessen und vor sich hingestarrt. Nun musterte er die Naësara zweifelnd.
„Du glaubst mir noch immer nicht“, meinte Laryana. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
„Ich weiß nicht, was ich glauben soll“, erwiderte er langsam. „Für mich gibt es da immer noch ein paar offene Fragen. Du sagtest, die Naësari waren nicht immer so, sondern wurden erst zu dem was sie sind, als sie begannen, Menschenblut zu trinken. Aber es muss doch sicher auch ein paar gegeben haben, die nicht auf dem Bankett gewesen sind. Was wurde aus diesen?“
„Um ehrlich zu sein, weiß ich das nicht so genau. Ich hörte hier und dort Geschichten, Legenden. Es gab einige, die nicht dort waren, und auch andere, die nicht von dem Wein getrunken hatten. Jene, die zu jung waren. Ich weiß nur, dass sie sich gegen Teneris auflehnten und sich weigerten, Blut zu trinken. Sie waren zu wenige, um offen gegen Teneris zu kämpfen, und so zogen sie sich in die Wälder und die Berge zurück, zu den Silberminen. Sie gaben sich selbst den Namen Elhar, die Freien. Doch was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Immerhin waren sie sterblich.“
„Und du?“
Laryana stützte den Kopf auf ihre Hand, als würde sie nachdenken. Ihr Gesicht wirkte verschlossen, und ein seltsames Flackern war in ihre Augen getreten. „Elhar zu sein bedeutet, niemals vom Blut eines Menschen getrunken zu haben. Also bin ich eine Elhar, falls es das ist was du wissen wolltest. Und damit ebenfalls sterblich.“
„Und wie kommt das?“
Laryanas Brauen zuckten, und für einen Moment schien es, als wolle sie eine zornige Antwort geben. „Ich bin entkommen“, sagte sie knapp, und ihre Miene verriet deutlich, dass sie mehr nicht zu sagen gedachte.
„Damit komme ich zu einer weiteren Frage: Wenn alle Frauen damals verschwanden, wie kommt es dann, dass es noch immer Naësarai gibt? Ich meine, es muss sie ja geben, die Naësari werden schließlich immer zahlreicher. Auch Teneris hat doch einen Sohn, oder nicht?“
Laryana versteifte sich. „Den Fürsten“, bestätigte sie leise und ballte die Hände zu Fäusten.
„Und gerade du bist ja wohl der beste Beweis dafür.“
„Das ist richtig. Doch keine in Travahel geborene Naësara ist älter als vierzig Jahre.“
„Wieso?“
Gedankenverloren fuhr Laryana mit der Hand über ihren Nacken, und ein Ausdruck des Schmerzes verzerrte ihre Züge. „Vor etwa vierzig Jahren machte Teneris eine weitere Entdeckung: Er fand heraus, wie man einen Menschen zu einem Naësaru macht. Erst seit dieser Zeit haben die Naësari langsam begonnen, sich auszubreiten.“
Saria, die bisher stumm zugehört hatte, riss nun die Augen auf. „Was? Was meinst du damit? Wie sollte so etwas möglich sein?“
„Ein Naësaru bringt einen Menschen an die Schwelle des Todes. Normalerweise geschieht dies durch einen Biss in den Hals, bei dem er so viel von seinem Blut trinkt, wie dafür nötig ist. Dann gibt er ihm etwas von seinem eigenen Blut. Etwas später …“ Laryana stockte, „… erwacht dieser Mensch als Naësaru.“
„Und das weißt du sicher?“
Sie senkte den Blick, so dass sich ein Schatten über ihr Gesicht legte. „Ich weiß es.“
Derim erhob sich. Unruhig schritt er ein paar Mal auf und ab, anscheinend tief in Gedanken versunken.
Laryana schwieg eine Weile, um ihm Zeit zu geben, bevor sie erneut das Wort ergriff. „Ihr fragtet mich, ob ich euch helfen würde, Nisirta zu erreichen. Falls dies noch immer euer Wunsch ist …“
Derim hielt im Laufen inne und erhob eine Hand. Laryana verstummte. Das Gesicht von ihr abgewandt, schien er in eine ferne Erinnerung zu starren, als er schließlich erwiderte: „Ich würde dir gerne glauben, was du erzählt hast. Es ist lange her, dass wir Hoffnung hatten, und ich gebe zu, deine Worte haben so etwas wie Hoffnung in mir geweckt.“ Er drehte den Kopf zögernd ein Stück zur Seite. „Aber ich habe meine Heimat verloren durch die Grausamkeit der Naësari. Ich habe meine Mutter verloren und weiß nicht einmal, ob mein Vater noch lebt. Ich habe die Schreie der Menschen in Darn gehört, die verstümmelten Körper derer gesehen, die es gewagt hatten, sich zu wehren. Ich …“ Seine Stimme versagte.
Saria biss sich auf die Lippe und griff nach Ayas Hand.
„Ich verstehe, was du meinst“, sagte Laryana. „Dieser Krieg hat die Menschen viel gekostet, wahrscheinlich noch viel mehr, als du ahnst. Du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe, und ich hoffe für dich, du musst es niemals sehen. Ich kenne deinen Schmerz.“
Zorn flammte in Derims Augen auf, als dieser plötzlich herumfuhr. „Wie könntest du?“, schrie er. „Du bist ein Naësaru! Du kannst nicht wissen, was wir ertragen mussten seit dem Tage unserer Geburt! Ihr habt uns alles geraubt, uns wie Tiere gejagt und getötet! Solange ich denken kann, habt ihr uns unterdrückt und offen gezeigt, wie wenig wir für euch sind, wie wertlos euch das Leben eines Menschen ist! Wie kannst du so arrogant sein zu behaupten, dass du mich verstehst?“
„Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“
Derim schreckte zurück. Mit einem Mal war sein Zorn wie verflogen, als Laryana sich nun aufrichtete und ihn mit entblößten Zähnen ansah. Ihre kalten Augen schienen zu brennen, und eine beunruhigende Schärfe lag in ihrer Stimme.
„Glaubst du, du hast alles Leid für dich gepachtet?“, zischte sie. „Du versinkst in Selbstmitleid und wirfst mir vor, ich könnte dein Leid nicht nachvollziehen? Glaubst du, du kennst mich? Du weißt überhaupt nichts über mich!“ Ihre Stimme wurde immer lauter, und erneut hatte sie die Hände zu Fäusten geballt, so fest, dass sie zitterten. „Auch ich habe alles verloren! Ich wurde aus meinem alten Leben gerissen, ausgestoßen, gejagt! Ich musste erleben, wie der Mann, dem ich mein Leben anvertraute, mich gnadenlos verriet! Ich musste mit ansehen, wie mein eigener Vater sein Schwert gegen mich erhob, wie meine Eltern mich aus meiner Heimat fortjagten! Ich habe die letzten Jahre ständig auf der Flucht verbracht, gehasst von den Menschen und verfolgt von den Naësari! Erzähle mir nicht, ich wüsste nichts von deinem Leid!“
„Ich … Ich verstehe nicht“, stammelte Derim. „Warum sollten deine Eltern das tun?“
In einer zornigen Geste riss Laryana sich den Schal von ihrem Hals und neigte ihren Kopf leicht zur Seite. Kälte lag in ihrer Stimme. „Deswegen.“
Saria gab einen erschreckten Laut von sich, und Derim starrte auf die kleine Stelle an ihrem Hals. Dort, an der Seite, waren zwei kleine dunkle Narben, die aussahen, als hätten sich zwei kleine Spitzen in ihren Hals gegraben.


„Ich habe euch erzählt, was ihr wissen müsst“, meinte Laryana knapp und rückte den Schal wieder zurecht, so als sei nichts geschehen. Dennoch lag in ihrem Gesicht ein panikartiger Ausdruck, als sei sie selbst geschockt über ihre eigene Enthüllung. „Der Rest liegt bei euch.“ Ruckartig wandte sie sich ab und verließ den Höhlenraum.
Derim machte einen Schritt nach vorne um ihr zu folgen, doch Aya hielt ihn zurück.
„Lass ihr einen Moment“, sagte sie, und Derim sah Tränen in ihren Augen schimmern. „Manche Erinnerungen bringen großen Schmerz an die Oberfläche, und es braucht Zeit, bis dieser wieder versinkt.“
Unschlüssig sah Derim der Naësara nach, doch dann ließ er sich wieder auf dem Boden nieder.
„Ich glaube ihr“, meinte Saria leise. „Auch wenn ich noch nicht alles verstehe. Aber so vieles ergibt auf einmal einen Sinn.“ Sie warf einen vorsichtigen Seitenblick auf ihren Bruder.
Derim fuhr sich erschöpft durchs Haar. Den Kopf auf seine Hand gestützt, starrte er eine Weile ins Nichts. Schließlich strich er langsam über die Klinge des Silberschwertes und seufzte. „Sie hat uns gerettet“, sagte er leise. „Sie hat uns vertraut. Ich denke … ich will versuchen, dasselbe zu tun, auch wenn es mir schwerfällt.“ Er legte die Stirn in Falten. „Und doch habe ich noch so viele Fragen. Ich …“
Erneut legte Aya eine Hand auf seine Schulter. „Derim, gib ihr Zeit. Und gib auch dir selbst Zeit.“
Derim nickte langsam und rieb sich die Stirn.
Plötzlich hob Saria den Kopf. „Habt ihr das auch gehört?“
Aya horchte. „Es hört sich an, als sei jemand dort hinten“, bestätigte sie und zeigte in Richtung des dunklen Ganges, der tiefer in den Stollen führte.
Angespannt starrte Derim in die von ihr gewiesene Richtung. Was, oder besser, wer konnte sich dort verbergen? Vielleicht war es besser, nachzusehen.
In diesem Moment betrat Laryana die Mine. Sie hatte wieder diese gleichgültige, undurchschaubare Miene aufgesetzt. Jede Spur ihres vorhergehenden Zornes war verschwunden, nur die Kälte war geblieben.
Als sie ihre Blicke sah, schien sie sofort zu wissen, was los war. Sie nickte in Richtung des Ganges.
„Da gibt es noch etwas, das ich euch wohl zeigen sollte.“ Sie ergriff eine der Fackeln und bedeutete ihnen mit einer Geste, ihr zu folgen.
Derim fiel auf, dass sie es vermied, ihn anzusehen, doch er konnte es ihr nicht verübeln. Jetzt, wo er sie so gesehen hatte, wusste er, Aya hatte von Anfang an Recht gehabt: Laryana war anders. Alles an ihr war anders als die Naësari, die er bisher gesehen hatte, selbst in dem Moment, als ihr Gesicht – von Wut verzerrt – ihm Angst eingeflößt hatte. Ihr hing nicht diese Überheblichkeit, dieser Hochmut an. In ihrer ganzen Art, wie sie sprach, wie sie sich bewegte, selbst in ihren Augen, lag etwas sehr Menschliches. Etwas Starkes und gleichzeitig Zerbrochenes.
Und er hatte sie Monster genannt.
„Ihr erinnert euch an den Naësaru, den ich mitnahm?“ Laryanas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.
„Der, der nicht zu Staub zerfiel“, erwiderte Saria.
Die Naësara nickte. „Schon seit langer Zeit beschäftigt mich eine Zeile aus Ereyas Buch, doch bis vor kurzem war ich mir nicht sicher, wie sie zu deuten ist: Vielleicht vermag ihre Schwäche, sie zu heilen. Ich hatte einige Zeit, um danach zu forschen, wie es gemeint ist, und ich glaube, ich verstehe jetzt.“
Laryana stoppte. Derim, der fast in sie hineingerannt wäre, schnappte erstaunt nach Luft. Dort, im flackernden Schein der Fackel, saß der Naësaru aus dem Wald, gefesselt und zusammengekauert, als habe er große Schmerzen. Er schien sie nicht zu bemerken, doch vielleicht war er auch nur zu schwach, um den Kopf zu heben. Einzig ein leises Stöhnen zeugte davon, dass er wirklich am Leben war.
„Ich dachte, er wäre tot gewesen“, entfuhr es Saria. „In seinem Herzen steckte ein Dolch!“
„Wenn ein Naësaru mit Silber tödlich verletzt wird, zerfällt sein Körper zu Staub“, erklärte Laryana. „Und nach allem, was ich gesehen und erlebt habe, denke ich, der Grund dafür ist ihr Alter. Die normale Lebensspanne eines Naësaru beträgt zwar etwas mehr als die eines Menschen – um die vierzig Jahre mehr – aber auch sie sind sterblich. Auch wenn der Körper des Naësaru durch das Blut gestärkt und unsterblich gemacht wird, erinnert er sich dennoch an sein Alter. Die Nähe von Silber schwächt sie, und die Berührung mit dem Metall bereitet ihnen Schmerzen.
Zumindest ist das bei den Cruem so, ich selbst spüre es nur gering. Und je länger sie Blut trinken, desto stärker ist die Wirkung des Silbers auf sie. Wenn ein Naësaru dann durch eine Verletzung und Silber geschwächt wird, ist es so, als würde all das Leben, das er sich unrechtmäßig erkauft hat, mit einem Mal aus ihm herausgesaugt. Das Silber hebt die Wirkung des Blutes um ein vielfaches auf.“
Sie nickte in Richtung des kauernden Naësaru. „Doch er hier ist noch jung. Ich sehe es in seinen Augen. Das Silbermesser in seinem Herzen hat ihn lediglich paralysiert und geschwächt. Und ich denke, ich weiß nun auch, was Ereya meinte.“
Vielleicht vermag ihre Schwäche, sie zu heilen“, wiederholte Aya leise. „Ich glaube ich verstehe. Wenn er lange genug davon abgehalten wird, erneut Blut zu trinken, und wenn er lange genug dem Silber ausgesetzt ist, kann es seinen Körper reinigen.“
Wieder nickte Laryana. „Vielleicht wird es ihn auch töten. Bisher ist alles Theorie, ich habe es nie ausprobiert. Wie dem auch sei, ich denke es ist einen Versuch wert, auch um seinetwillen. Es ist nicht seine Schuld“, fügte sie kaum hörbar hinzu.
„Nicht seine Schuld?“, entfuhr es Derim. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber Aya warf ihm einen beschwichtigenden Blick zu. Derim biss sich auf die Lippe und schwieg.
Laryanas Aufmerksamkeit war auf den gefesselten Naësaru gerichtet, als sie fortfuhr, doch sie schien trotzdem auf etwas anderes zu sehen. „Wenn ein Naësaru Blut trinkt, hört sein Körper auf zu altern. Deshalb bekommt jeder Naësaru zum ersten Mal davon, wenn er sein zwanzigstes Lebensjahr erreicht hat, im Rahmen einer feierlichen Zeremonie. Sie wachsen auf in dem Glauben, es sei ihre Bestimmung, über die Menschen zu herrschen. Manche sträuben sich dagegen, weil sie tief in ihrem inneren die Wahrheit erahnen, den wahren Grund, warum sie geschaffen wurden. Andere“, ihre Züge wurden mit einem Mal hart, „nehmen es freiwillig.“ Plötzlich verzog sie das Gesicht und griff sich an den Kopf.
„Was ist los?“ Saria trat besorgt einen Schritt näher.
„Hier lagern viele Silberbarren, deshalb habe ich ihn hierher gebracht. Aber auch ich bleibe nicht ganz unbeeinflusst davon.“
„Dann sollten wir vielleicht zurückgehen“, meinte Derim vorsichtig.
Laryana nickte. Sie warf noch einen letzten Blick auf den Gefesselten. „Er hat sein Essen nicht angerührt“, murmelte sie besorgt.
„Essen“, widerholte Derim tonlos, und mit einem Mal wurde ihm wieder bewusst, wie hungrig er war.
Laryana riss die Augen auf und sah ihn zum ersten Mal seit ihrem Wortgefecht wieder an.
„Daran habe ich gar nicht gedacht! Ihr müsst unglaublich hungrig sein! Folgt mir.“ Hastig machte sie kehrt und eilte in Richtung des Höhlenraumes.
Derim und Saria folgten ihr, nur Aya blieb für einen Moment zurück und betrachtete den Gefesselten nachdenklich. Mitleid lag in ihrem Gesicht.
Da hob der Naësaru den Kopf, ganz langsam, so als würde es ihn große Kraft kosten. Einige Sekunden lang sahen sie sich schweigend an. Schließlich lächelte Aya sanft. „Möge Melem dir Kraft geben“, sagte sie leise. Dann folgte sie den anderen.


Wenig später saßen sie wieder im Höhlenraum um ein kleines Feuer herum und aßen stumm, bis Saria schließlich das Schweigen durchbrach. „Und … du bist also eine … Wie nanntest du es noch?“, fragte sie neugierig.
Laryana hielt inne, sah jedoch nicht auf. „Eine Elhar.“
„Und das macht dich anders als die anderen? Mit dem Silber und so?“
Die Naësara schien für einen Moment zu überlegen. „Ja. Aber genaugenommen bin ich keine reine Elhar, da ich bei meiner Verwandlung Blut getrunken habe. Auch wenn es kein Menschenblut war und dies vor langer Zeit geschah, bewirkt es wohl, dass ich etwas empfindlicher bin, was Sonnenlicht und Silber angeht, gleichzeitig allerdings auch etwas stärker als eine Elhar bin, obwohl die Cruem mir noch immer überlegen sind.“
„Das Wort hast du vorhin schon einmal genannt. Was sind Cruem?“
„Die Bluttrinker.“
Saria nickte verstehend, doch dann stutze sie. „Was heißt vor langer Zeit?
Wieder zögerte Laryana. „Sieben Jahre“, sagte sie schließlich leise.
Derim unterbrach seine Mahlzeit verwundert. „Sieben? Das macht dich wie alt?“
Die Naësara blickte auf. „Fünfundzwanzig. Warum?“
Ungläubig hob Derim eine Braue. „Fünfundzwanzig? Ich dachte, du wärst kaum älter als ich!“
Ihre Mundwinkel zuckten, doch erneut legte sich ein Schatten auf ihr Gesicht. „Als ich verwandelt wurde, war ich wohl so alt wie du, wahrscheinlich sogar jünger. Naësari altern ein wenig langsamer als Menschen, und das Naësariblut, das ich zu mir genommen habe, trägt wohl auch dazu bei, dass ich kaum gealtert bin. Aber irgendwann wird auch das nachlassen.“
Derim biss sich auf die Lippe. Sollte er es wagen …?
„Wie … Warum wurdest du verwandelt?“, fragte er vorsichtig.
Ihre Augen leuchteten im Flammenschein. „Darüber möchte ich nicht reden“, sagte sie. Erneut lag Kälte in ihrer Stimme.
„Tut mir leid“, meinte Derim hastig.
Sie hatte den Blick wieder auf die tanzenden Flammen gerichtet. „Sprechen wir einfach nicht mehr davon.“
Schweigend beendeten sie die Mahlzeit, und Laryana wies ihnen einen Platz für die Nacht. Die Mädchen waren sofort eingeschlafen, und zum ersten Mal seit langem sah Derim einen friedlichen Ausdruck in ihrem Gesicht. In dieser Nacht würden sie sicher sein.
Doch er selbst konnte trotz seiner Müdigkeit keinen Schlaf finden. Es gab da etwas, dass ihn noch beschäftigte, und so stand er leise auf und verließ die Höhle.
Laryana stand einige Meter vom Eingang der Mine entfernt und sah in die Nacht hinaus.
Vorsichtig trat Derim neben sie.
„Was kann ich für dich tun, Derim?“, fragte sie leise, ohne ihn anzusehen.
Etwas verlegen senkte Derim den Blick. „Ich wollte mich entschuldigen.“
Laryana rührte sich nicht.
„Es tut mir leid, dass ich dich so behandelt habe. Ohne dich hätten wir diesen Tag nicht überlebt. Auch nach allem, was ich erlebt habe, hätte ich dir eine Chance geben müssen. Und … ich hätte dich nicht Monster nennen dürfen.“
Die Mundwinkel der Naësara zuckten einmal kurz, doch sie sah weiter ausdruckslos zum Sternenhimmel hinauf. „Dies sind schwierige Zeiten, und Misstrauen kann manchmal sehr gesund sein“, erwiderte sie. „Ich danke dir für deine Entschuldigung. Ich weiß, dass es dich Überwindung gekostet hat, und das zeugt von innerer Stärke.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Eines solltest du wissen: Ihr seid nicht die ersten Menschen, denen ich in all den Jahren begegnet bin. Aber ihr seid die ersten, die mir zugehört haben.“
Einen Moment lang betrachtete er sie schweigend. „Wirst du uns helfen, nach Nisirta zu kommen?“, fragte er schließlich leise.
Erst jetzt wandte sie ihm das Gesicht zu. Ernst lag darin, anders jedoch als die Härte zuvor. „Wenn es in meiner Macht liegt, werde ich euch nach Nisirta bringen. Das verspreche ich.“
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