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Das Lied von Laendrom - Ouvertuere der Nacht 1.1.

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Literature Text



Bevor das erste Wort gesprochen
Vor Sonne, Land, dem weiten Meer
Bevor das erste Lied gesungen
Bevor der erste Tag bezwungen
Ward alles grau, ward alles leer

Und Melem sang die ersten Lieder
Er schuf die ersten Melodien
Aus seinem Munde ewg’er Friede
Laëndrom schuf er aus dem Liede
Das Land in seinem Licht erschien

Er füllte es mit reicher Schönheit
Und schmückte es mit hellem Schein
Hob sanft die Hügel, webte Wiesen
Schliff Berge hoch, die stummen Riesen
Und schuf den Wald, den weiten Hain

Das Meer mit seinem wilden Schäumen
Die sonnenglitzernd klaren Seen
Des Sturmes grunderschütternd Brausen
Den Wind mit seinem sanften Sausen
Den Himmel blau, so wunderschön

Laëndrom ward erfüllt von Leben
Ein jedes Tier in seiner Art
Zur Heimat gab er Wald und Wiese
Das tiefe Meer, der Lüfte Brise
Ein‘ jedem gab er seinen Part

Und als das Wunder ward geschaffen
Da führte er sein Kind hinein
Der Mensch als Herrscher ward erkoren
Als Hüter ward er eingeschworen
Laëndrom sein Geschenk sollt‘ sein

Und Sänger zogen durch die Lande
Der Bauer fuhr die Ernte ein
Die Kinder spielten auf den Feldern
Des Jägers Horn klang in den Wäldern
Der Frauen Lieder stimmten ein

Doch aus der Ferne drangen Schatten
Der Finsternis in dieses Glück
Die Kreatur, aus Hass geboren
Die Blutgier seinen Geist verworren
Er stahl das Leben Stück um Stück

Und Naësaru ward sein Name
Woher er stammt ist Dunkelheit
Er spann den Schleier übers Lande
Die finstre Furcht, die bitt‘ren Bande
Erstickte Licht und Herrlichkeit

Der Sänger Stimme bald verstummte
Dem Bauer fehlte Saat und Feld
Den Kindern vor den Wiesen scheute
Der Jäger ward nun selbst zur Beute
In graue Stille sank die Welt

Ein Krieg in trügerischer Hoffnung
Verzweiflungstat in dunkler Zeit
Denn wird die Plage nicht bezwungen
Wird uns kein Trauerlied gesungen
Und Mensch sinkt in Vergessenheit

Ist nun das erste Lied verklungen?
Ist dies das Ende unsrer Zeit?
Das Blutgeschöpf in wildem Toben
Hat sich zum Herrscher selbst erhoben
Den Mensch vernichten ist sein Eid

Das Lied von Laëndrom


I. Rot

Müde blickte Derim zum fernen Horizont. Die Sonne stand schon tief, bald würde die Nacht hereinbrechen. Eine Weile starrte er auf den schwach schimmernden Halbkreis, als könne er ihn mit purer Willenskraft am Sinken hindern. Unruhe ergriff ihn, als er merkte, dass das Licht bereits am Schwinden war. Vor der Nacht konnten sie nicht davonlaufen.
Erschöpft strich er sich übers Haar und wandte den Blick nach Osten. Eine weite Ebene lag vor ihnen, nur wenige Bäume. Wenige Möglichkeiten um sich zu verstecken. Doch wenigstens konnten sie den Wald endlich hinter sich lassen, zumindest für eine Weile. In den letzten Wochen war ihm jeder Schatten wie ein Vorbote des Todes vorgekommen. Wie sehr hatte er nach jedem einzelnen Sonnenstrahl Ausschau gehalten, der seinen Weg durch die dichten Zweige gefunden hatte.
Aber sie würden noch ein Stück laufen müssen. Der kleine Hügel, auf dem er stand, erhob sich über den Bäumen, die noch vor ihnen lagen. Er schätzte, dass sie noch etwa eine halbe Stunde unterwegs sein würden, um den Wald zu verlassen. Dennoch war es vielleicht das Beste, sich einen Platz zum Verstecken für die Nacht zu suchen, denn in der Nacht waren sie im Wald geschützter als auf der Ebene.
Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn herumfahren. Zwei Mädchen kamen den Hügel herauf, mehr stolpernd als laufend. Als sie ihn erreichten, verschränkte die Jüngere die Arme und sah ihn vorwurfsvoll an.
„Du hättest ruhig ein bisschen warten können, Derim!“, schnaufte sie. Ihr Atem gefror in einer weißen Wolke vor ihrem Gesicht. Ungehalten wischte sie eine nasse Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Trotz der kühlen Luft lagen Schweißtropfen auf ihrer Stirn. Wie viele Stunden waren sie heute gelaufen?
„Ich wollte nur nachsehen, was hinter dem Hügel ist, weiter nichts. Ich war doch noch in Sichtweite.“
„Das hätte uns wenig genutzt, wenn sie uns gefunden hätten! Es ist fast dunkel, und du weißt, wie nahe sie uns vorgestern gekommen sind! Es ist ein Wunder, dass sie uns nicht bemerkt haben, und ich bezweifle, dass wir noch einmal so viel Glück haben werden!“
Derim seufzte. „Es tut mir leid, Saria. Du hast ja recht.“
Er betrachtete seine Schwestern eindringlich. Saria war die Jüngste von ihnen. Ebenso war sie wahrscheinlich die Temperamentvollste. Sie neigte dazu, ihre Meinung frei zu verkünden, und scherte sich wenig um falsche Höflichkeiten. Auch war sie diejenige, die selbst in den dunkelsten Stunden noch immer einen Grund fand zu lächeln. Ihre grünen Augen schienen immer nur so vor Leben zu sprühen.
Jetzt allerdings lagen Furcht und Sorge darin. Die Strapazen der letzten Wochen waren deutlich in ihr Gesicht geschrieben.
Aya, die Mittlere, war in den meisten Dingen das genaue Gegenteil von Saria. Ihr ruhiger, nachdenklicher Blick schien oft in weite Ferne gerichtet, und neben der blonden Saria erschien ihr schwarzes Haar nur umso dunkler. Selbst in dieser Zeit gelang es ihr immer wieder, sich diese Ruhe und diesen Frieden zu bewahren. Manchmal fragte Derim sich, ob er nicht schon längst die Hoffnung aufgegeben hätte, wäre sie nicht gewesen.
Als ihr Onkel sie vor wenigen Monaten nach Darn gebracht hatte, hatte Derim ihm versprochen, gut auf die beiden aufzupassen. Damals hatte er noch geglaubt, sie seien in Darn sicher. Er hätte es wissen müssen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch Darn von ihnen erobert werden würde. Keine Mauer war hoch genug, um sie aufzuhalten.
Unwillkürlich schüttelte er den Kopf, als Bilder vor seinem inneren Auge auftauchten. All dieser Schmerz, all diese Furcht und Verzweiflung, diese nackte Angst in den Gesichtern der Menschen, die es längst aufgegeben hatten zu kämpfen und nur noch um ihr Leben rannten … Er schloss die Augen. Nein, er wollte nicht mehr daran denken.
Aya blickte gedankenverloren nach Westen. „Wir sollten einen Platz für die Nacht suchen“, sagte sie mit ihrer leisen, sanften Stimme.
Derim betrachtete die Ringe unter ihren Augen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie dünn und zerbrechlich sie aussah. Es lag ein schwerer Weg hinter ihnen, und wer konnte wissen, was noch vor ihnen lag? Die Mädchen schien diese Reise mehr mitzunehmen als ihn. Sie wagten es nur selten zu rasten, und die Angst, die sie stets begleitete, raubte ihnen nur allzu oft den Schlaf. Auch hatten sie seit drei Tagen kaum etwas gegessen. Er hatte ihnen das meiste überlassen, schließlich musste er als der Älteste auf die Mädchen Rücksicht nehmen, aber nach der nächsten Mahlzeit würden auch sie hungern müssen.
Wenigstens waren sie seit einer Weile von Schnee und Hagel verschont geblieben. Aber das konnte sich jederzeit ändern.
Inzwischen spürte er jeden einzelnen Knochen in seinem Leib, jeden Muskel. Seine Füße waren wund und müde, und er war sicher, dass es den Mädchen nicht anders ging. Wie lange würde sein Körper ihm noch gehorchen, bevor er einfach in sich zusammenklappte und sich weigerte, weiterzulaufen?
Wenn wir Nisirta doch nur endlich erreichen würden, dachte er mit knirschenden Zähnen. Doch es half nichts. Alles, was sie im Moment tun konnten, war weiterzulaufen, immer weiter, bis sie endlich das geheimnisvolle Nisirta fanden. Oder den Tod.
Oder bis sie uns finden, fuhr es ihm durch den Kopf, und seine Miene verdüsterte sich. Geistesabwesend klopfte er auf das alte Schwert an seiner Seite. Es würde ihnen wahrscheinlich nur wenig nützen, wenn man sie aufspürte. Trotzdem spendete es ihm zumindest ein wenig Trost und Sicherheit. Er ballte die Hände zu Fäusten. Noch einmal würde er nicht einfach nur hilflos zusehen.
„Kommt, wir müssen weiter. Weiter unten habe ich einen großen Baum gesehen, der hohl zu sein scheint. Vielleicht können wir uns dort verstecken.“
Aya und Saria, die sich auf den Boden gesetzt hatten, um zu Atem zu kommen, erhoben sich langsam. Schwerfällig folgten sie ihrem Bruder.

Lautlos rannte sie durch den dichten Wald. Sie war ihnen schon ganz nahe. Hier im Schatten der Bäume konnte sie deutlich ihre Spuren erkennen. Die Fährte war noch ganz frisch. Weit konnten sie nicht sein. Sie waren müde, ausgelaugt und erschöpft, das war deutlich zu sehen. Leichte Beute …

Derim horchte auf. Hatte er gerade etwas gehört? Er lauschte angestrengt, doch bis auf das sanfte Rauschen in den kahlen Zweigen über ihnen war kein Laut zu hören. Nein, er hatte sich wohl geirrt. Zumindest hoffte er das. Die Furcht hatte ihm in der Vergangenheit schon öfters einen Streich gespielt.
„Beeilt euch, es ist nicht mehr weit“, sagte er so leise er konnte. Da! Da war es wieder! Diesmal war er sich sicher, denn auch Aya blieb stehen und blickte erschrocken in Richtung des dichten Unterholzes.
Mit einem Mal war Derims Körper schweißbedeckt. Zitternd zog er sein Schwert und sah sich um. Erneut ein Rascheln, diesmal jedoch aus einer anderen Richtung. Hastig drehte er sich um, und ein grollendes, spöttisches Lachen erklang. Saria und Aya drängten sich ängstlich an ihn.
Da trat ein hochgewachsener Mann aus dem Schatten der Bäume, sein Gesicht zu einem bösartigen Lächeln verzogen. Das lange, hellblonde Haar, typisch für seine Rasse, hatte er zu einem Zopf gebunden. Das Leder seiner Rüstung war so dunkel, es erschien schon fast schwarz. Hier und dort waren verschlungene Muster und Runen einer fremden Sprache eingraviert. Die kunstvollen, polierten Metallbeschläge glänzten matt im letzten Licht der bereits untergegangenen Sonne.
Zwei lange Dolche hingen an seinem Gürtel, doch er schien es nicht für nötig befunden zu haben, sie zu ziehen. Lässig ruhte seine linke Hand auf dem Griff des einen.
Furchtsam starrte Saria auf die funkelnden Eckzähne des Wesens, die weit über die anderen hinausragten. Doch Derims Blick blieb sofort an den Augen der Bestie hängen. Sie waren blutrot und sahen sie gierig an.
Ein weiterer Naësaru trat aus den Schatten hervor, dann ein dritter. Das fahle Licht ließ ihre blasse Haut noch heller erscheinen, beinahe leblos.
Derim erhob das Schwert und hielt einen Arm schützend vor seine Schwestern. Saria versuchte, ihren Bogen zu spannen, aber es gelang ihr nicht so recht.
„Tretet zurück – oder es wird euch leidtun!“, brachte Derim mühsam hervor. Die Naësari stimmten ein schallendes Gelächter an, das unheimlich zwischen den Bäumen widerhallte. Mit einem Mal schien sich der Himmel zu verdunkeln, und die Vögel, die zuvor noch leise gesungen hatten, verstummten plötzlich.
Derim schloss die Augen und atmete tief durch. Du darfst keine Angst haben. Angst macht dich schwach. Tatsächlich gelang es ihm, seinen Herzschlag ein wenig zu beruhigen, doch noch immer zitterte sein Arm, wenn auch nur ganz schwach.
Das Gelächter der drei Naësari war verklungen, und der größte von ihnen trat einen Schritt nach vorne. Ein furchterregendes Flackern lag in seinen roten Augen, als er mit fauchender Stimme verkündete: „Dies hier ist Sperrgebiet für Menschen, und das wisst ihr. Mit eurer Anwesenheit hier verstoßt ihr gegen das Gesetz, das König Teneris über ganz Laëndrom ausgesprochen hat. Ihr habt nun die Wahl: Entweder ihr ergebt euch und kommt mit uns, oder wir töten euch und genehmigen uns eine kleine … Zwischenmahlzeit.“
Das breite Grinsen, das seine Eckzähne entblößte, verriet deutlich, welche Variante er bevorzugte.
„Wenn wir uns ergeben, werdet ihr uns so oder so töten“, erwiderte Derim. Seine Stimme hatte ihre Festigkeit zurückerlangt, doch noch immer hing er an den blutroten Augen der Bestie. Er schluckte.
„Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht“, erwiderte der Anführer mit einem höhnischen Schulterzucken.
Beinahe widerwillig riss Derim sich vom Gesicht des Naësaru los und sah zu Aya und Saria herüber. Aya schüttelte langsam den Kopf. Sie hatte Sarias Hand ergriffen.
Derim nahm einen tiefen Atemzug. „Nein, wir werden nicht mitkommen. Es gibt schlimmere Dinge als den Tod, und diesen will ich meine Schwestern nicht ausliefern. Es endet jetzt und hier!“ Entschlossen straffte er den Griff um seine Waffe, so dass seine Knöchel weiß hervortraten.
„Nun gut“, meinte der Anführer, scheinbar amüsiert, „Dann sei es so. Mir war ohnehin schon langweilig.“ Mit einem hungrigen, fast schon verspielten Knurren setzte er zum Sprung an.
Derim wollte gerade sein Schwert nach oben reißen, um den Angriff abzufangen, als etwas Kleines, Blitzendes über die Lichtung schoss, einen der beiden Naësari traf, die bis dahin stumm hinter ihrem Anführer gestanden hatten, und sein Herz durchbohrte. Sein Schrei erstickte in seiner Kehle und wurde zu einem schmerzerfüllten Wimmern. Er warf einen letzten, fassungslosen Blick auf seine Brust, und zerfiel dann mit einem zischenden Geräusch zu Staub.
Derim erschauderte unwillkürlich. Zwar hatte er auch schon zuvor in Darn und Silbertal gesehen, wie diese seltsamen Wesen auf jene Weise starben, doch noch immer erschien es ihm bizarr, wie sie sich einfach in Nichts aufzulösen schienen.
Die anderen beiden Naësari starrten einen Moment lang entsetzt auf das, was von ihrem Kameraden übriggeblieben war. „Silber!“, zischte der Anführer ungläubig, der mitten in der Bewegung verharrt war. Panik lag in seiner Stimme. „Das ist unmöglich!“ Sofort wandte er sich in die Richtung, aus der das Wurfgeschoss gekommen war, jedoch zu spät. Ein zweites zischte durch die Luft und traf ihn an derselben Stelle wie den anderen Naësaru. Er gab ein ersticktes Röcheln von sich und fiel zu Boden, wo er regungslos liegen blieb.
Mit einem zornigen Kampfschrei kam eine vermummte Gestalt aus dem Dickicht gesprungen, und ihr Schwert prallte klirrend auf das des verbliebenen Naësaru. Obwohl überrumpelt, hatte dieser den Angriff gekonnt pariert und schien entschlossen, das Schicksal seiner Kameraden nicht zu teilen. Doch der Kampf währte nur wenige Sekunden. Der geheimnisvolle Angreifer bewegte sich mit einer Geschwindigkeit, die seine einzelnen Angriffe zu Schemen verschwimmen ließen. Jeder Schwerthieb war erbarmungslos, entschlossen und zielsicher. Und irgendetwas schien den Naësaru zu irritieren. Nach einem missglückten Angriff von ihm wirbelte die Gestalt herum und – Aya und Saria wandten den Kopf ab – enthauptete ihn.
Auch er zerfiel zu Staub. Die Gestalt warf einen letzten Blick auf seine Überreste, dann verstaute sie ihr Schwert in einer fließenden, mechanischen Bewegung. Als sie versuchte, ihren verrutschten Umhang zurechtzurücken, fiel ihre Kapuze herab. Derim gelang es nicht, einen Blick auf das Gesicht zu erhaschen, weil sie ihnen den Rücken zugewandt hatte, aber dennoch erkannte er sofort, dass es eine Frau war, auch wenn ihr pechschwarzes Haar gerade mal bis zu ihrem Kinn reichte. Sie schien jung zu sein, kaum älter als er selbst. Sie trug eine lederne Weste und darunter ein schwarzes Obergewand, das ihr bis unter ihre Hüfte reichte, dazu eine dunkelgrüne, abgewetzte Hose, die in hohen Stiefeln steckte. Ihr Hals war von einem dunklen Seidenschal umhüllt. Der verrutschte Umhang gab den Blick frei auf drei Gürtel, die um ihre Hüfte gebunden waren. Dutzende Wurfmesser blitzten an zweien davon. Ein weiterer Gürtel trug ihr Schwert und einen Langdolch, und zwei mit Rankenmustern verzierte Lederarmschienen schützten ihre Unterarme.
Erst jetzt bemerkte Derim, dass er seinen Atem angehalten hatte. Mit einem erleichterten Seufzer ließ er ihn entweichen. „Ich … Wir danken Euch, Fremde. Ihr habt uns das Leben gerettet.“ Er wollte noch etwas hinzufügen, doch ihm fehlten die Worte. Alles war so schnell gegangen.
Die Fremde wandte ihnen noch immer den Rücken zu. Sie beugte sich kurz herab und untersuchte die Ausrüstung des ersten Naësaru, die noch immer von einer eigentümlichen Staubschicht bedeckt war.
„Ihr habt Glück gehabt“, sagte sie. Etwas Seltsames, beinahe Steifes lag in ihrer Stimme. Jedenfalls klang sie nicht wie jemand, der gerade im Alleingang drei Naësari getötet hatte. Nicht einmal atemlos schien sie zu sein. Stattdessen schwang eine seltsame Kühle in ihren Worten mit, eine Widerwilligkeit, so als hätte sie gar nicht vorgehabt, das Wort zu ergreifen. Dennoch fuhr sie nach einer kurzen Pause fort. „Naësari sind selten in so kleinen Gruppen unterwegs. Wären es mehr gewesen, wärt ihr jetzt wahrscheinlich tot.“
Prüfend begutachtete sie einen Dolch, der am Gürtel des Naësaru gehangen hatte, warf ihn dann aber achtlos beiseite und fuhr mit ihrer Suche fort. „Ehrlich gesagt hat es mich gewundert, hier auf Menschen zu treffen.“
„Nun, Ihr seid ja auch hier“, meinte Derim vorsichtig.
Die Fremde schwieg. Sie schien zu überlegen, was sie antworten sollte. „Ich weiß, wie man mit ihnen umgeht“, erwiderte sie schließlich. „Auch wenn ich diesmal fast zu spät gewesen wäre.“
„Aber Ihr wart rechtzeitig da. Wie können wir Euch jemals danken?“, sagte Saria.
„Indem ihr überlebt.“ Etwas anderes schien plötzlich ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Der Anführer hatte sich nicht aufgelöst. Er lag einfach da, unbeweglich und mit starrem Blick. Ein Dolch steckte in seinem Herzen.
Saria verzog das Gesicht. „Warum zerfallen sie nur immer zu Staub, wenn sie sterben?“, fragte sie. „Und warum hatten sie solche Angst vor dem Silber?“
Die Fremde untersuchte den regungslosen Körper. „Es schwächt sie, und es kann sie töten“, antwortete sie. „Vor allem, wenn man es ihnen mitten ins Herz stößt. Und wenn sie zu Staub zerfallen, kann man sich wenigstens sicher sein, dass sie tot sind.“
„Und warum ist dieser nicht zu Staub zerfallen?“ Aya trat einen Schritt näher und betrachtete den Naësaru nachdenklich.
„Eine gute Frage“, murmelte die Fremde, mehr wie zu sich selbst, und strich über die Klinge. „Das könnte interessant werden.“ Sie verharrte mitten in der Bewegung, so als erinnerte sie sich erst jetzt wieder an die drei Geschwister, die noch immer hinter ihr standen. Zögernd wandte sie ihren Kopf ein wenig nach der Seite. „Warum seid ihr hier alleine unterwegs? Dies ist eine gefährliche Gegend.“
Bevor Derim ein „Dasselbe könnten wir dich fragen“ einwerfen konnte, erwiderte Saria: „Wir sind auf dem Weg nach Nisirta, der Sicheren Stadt.“
„Verstehe. Da habt ihr noch einen weiten Weg vor euch. Ihr solltet euch nach Süden wenden.“
„Aber … was ist mit Euch?“, warf Saria ein. „Wollt Ihr uns nicht begleiten? Ihr wisst, wie man gegen diese Monster ankommt.“
Wieder schwieg die Fremde. Langsam schüttelte sie den Kopf. „Nein, das halte ich für keine gute Idee. Und … ich glaube nicht, dass ihr das wirklich wollt.“ Mit einem Mal lag Bitterkeit in ihrer Stimme. „Ihr werdet alleine zurechtkommen müssen. So ist das wohl in diesen Zeiten.“
Derims Miene verfinsterte sich. Irgendwas an dieser Frau war ihm vom ersten Augenblick an seltsam vorgekommen, ganz abgesehen davon, dass sie wie ein erfahrener Krieger kämpfte, und das scheinbar ohne zu ermüden. „Was soll das heißen? Warum sollten wir Eure Hilfe nicht wollen?“, fragte er forschend.
Die Fremde seufzte resigniert. Einige Sekunden lang schien sie mit sich selbst zu kämpfen, dann fasste sie einen Entschluss, erhob sich ruckartig und wandte ihnen ihr Gesicht zu. „Deswegen“, sagte sie.
Saria entfuhr ein leiser Schrei, und Derim trat erschrocken einen Schritt zurück. Nur Aya schien lediglich überrascht.
Grimmig zog Derim erneut sein Schwert. „Ich hätte es wissen müssen! Kein Mensch kann so kämpfen!“ Zornig sah er in ihre Augen, die blutrot leuchteten, mit einem Hauch violett darin.


„Steck dein Schwert ein“, sagte die Fremde ruhig. Derims Reaktion schien sie in keinster Weise zu überraschen. Ein Schatten lag auf ihrem Gesicht, und ihre Augen wirkten kalt und hart.
„Nenn mir einen guten Grund, warum ich das tun sollte!“, stieß Derim zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Ich kann dir sogar zwei nennen“, erwiderte sie in einem gleichgültigen Tonfall. „Zum ersten stellt es keine Gefahr für mich dar. Und zum zweiten gibt es keinen Grund, mich anzugreifen. Wenn ich euch etwas hätte antun wollen, wäre das längst geschehen. Auch wenn es schwer zu glauben ist, ich bin auf eurer Seite.“
Aya legte sanft eine Hand auf Derims Schulter. „Steck das Schwert weg, bitte“, sagte sie leise.
„Du glaubst ihr doch nicht etwa, oder?“, fuhr Derim sie an, etwas schroffer als er beabsichtigt hatte.
Aya schlug die Augen nieder, fuhr jedoch unbeirrbar fort: „Sie hat uns gerettet, und dafür drei ihrer eigenen Art getötet. Und wie sie selbst sagte, sie hätte uns längst töten können, wenn sie gewollt hätte.“
„Wer weiß, was das für ein Trick ist! Hat sie nicht ebenfalls gesagt, dass hier noch mehr sein müssen? Vielleicht wollte sie uns für sich haben! Diesen Monstern kann man nicht trauen! Hast du Darn vergessen?“
Die Naësara blickte ihn ausdruckslos an. Falls seine Worte sie getroffen hatten, ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. Saria sah unentschlossen zwischen ihr und Derim hin und her.
Dieser machte einen drohenden Schritt auf die Fremde zu. „Wenn du meinen Schwestern auch nur ein Haar krümmst, wird es dir leid tun“, knurrte er. „Eure Wunden mögen innerhalb von Sekunden verheilen, doch ich glaube kaum, dass dein Kopf nachwachsen würde.“
„Als ob du dazu fähig wärst.“ Ein bitteres Lächeln erschien kurz auf ihren Lippen und entblößte ihre spitzen Eckzähne. „Ich bin nicht wie die anderen. Aber warum solltet gerade ihr das verstehen? Ich weiß, was in Darn geschehen ist. Ich kann mir vorstellen, was ihr erlebt habt.“
Derim festigte den Griff um das Schwert und entblößte zornig die Zähne. „Was weißt du denn schon über uns? Spar dir deine falschen Worte! Du hast nicht die geringste Ahnung!“
Ein seltsamer Ausdruck huschte über ihr Gesicht, eine Mischung aus Zorn und Resignation. Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern, wie um auszudrücken, dass das Thema für sie erledigt war.
Sein noch immer drohendes Schwert ignorierend, öffnete sie einen der Gürtel, die um ihre Hüfte geschwungen war. An ihm hingen unzählige kleine Wurfdolche. Zuerst schien es, als wollte sie ihm den Gürtel reichen. Dann überlegte sie es sich anders, legte ihn vor sich auf den Boden und trat ein paar Schritte zurück.
„Ich sagte euch ja, ihr werdet meine Hilfe nicht wollen. Nehmt wenigstens das. Ohne Silber habt ihr kaum eine Chance, denn euer Weg ist noch weit.“
Saria tat einen Schritt nach vorne, um ihn aufzuheben, doch Derim hielt sie energisch zurück.
„Ich traue ihr nicht“, sagte er leise. „Ich habe noch nie davon gehört, dass Silber den Naësari schadet. Außerdem scheint es ihr nichts auszumachen.“
„Wie mir scheint gibt es vieles, das ihr nicht wisst“, sagte die Fremde, die trotz seines Flüsterns anscheinend jedes Wort verstanden hatte. „Und wie gesagt, ich bin nicht wie sie. Nun, ich wünsche euch eine sichere Reise.“
Mit diesen Worten hob sie den regungslosen Naësaru scheinbar mühelos auf, warf ihn über ihre Schultern und verschwand lautlos zwischen den Bäumen.
Unentschlossen starrte Derim ihr einen Moment lang nach, dann wandte er sich zu seinen Schwestern.
Saria warf ihm einen Blick zu, den er nicht recht zu deuten wusste, doch es lag so etwas wie ein Vorwurf darin. Entschlossen stapfte sie zu dem Gürtel und hob ihn auf.
Wortlos verfolgte Derim ihre Bewegungen. Langsam ließ er das Schwert sinken und verstaute es schließlich wieder.
„Du hättest sie nicht so behandeln sollen“, sagte Saria.
„Sie ist ein Naësaru, Saria. Ein verdammter Naësaru! Eine blutsaugende, menschenverachtende Bestie!“
„Woher willst du das wissen?“ Erneut verschränkte sie die Arme, so wie sie es immer tat, wenn sie wütend auf ihn war. „Sie hat uns geholfen, oder nicht? Sie hat uns das hier gegeben“, sie hielt ihm den Gürtel unter die Nase, „und sie hat versucht, es zu erklären. Ich glaube ihr!“
„Dass sie anders ist?“, meinte Derim spöttisch.
„Sie ist anders“, sagte Aya leise.
Derim sah sie an. Aya sprach nie viel, vor allem, seit sie aus dem Dorf, in dem sie aufgewachsen waren, hatten fliehen müssen. Doch wenn sie sprach, war es immer wert zu hören.
„Wieso?“, brummte er.
„Hast du es nicht gesehen? In ihren Augen?“
„Sie waren rot, wie die Augen aller Naësari!“
„Das meine ich nicht. Tief, tief in diesen Augen lag eine unendliche Traurigkeit. In den Augen der anderen sehe ich immer nur ihre Blutgier, ihre Arroganz. Ihre Verachtung.“
Derim schwieg. Er hatte immer gewusst, dass seine Schwester weise war. Doch das hieß nicht, dass er sie auch verstand.
„Kommt, lasst uns diesen Baum finden“, meinte er schließlich.
Auf dem Weg dorthin sah er sich immer wieder aufmerksam um, aber in der Dunkelheit, die nun über sie hereingebrochen war, konnte er ohnehin nicht viel erkennen. Es blieb still, und sie erreichten den hohlen Baum ohne weitere Zwischenfälle.
Während die beiden Mädchen vor Erschöpfung sofort einschliefen – eng zusammengekuschelt, um warm zu bleiben – zwang Derim sich wachzubleiben und setzte sich vor den Eingang. Er hatte seit einer Woche nicht mehr richtig geschlafen, und auch der Hunger machte ihm zu schaffen. Wenn die Fremde – die Naësara – recht hatte und Nisirta noch so fern lag …
Er kramte die zerfledderte Karte hervor, die ihm der sterbende Mann in Darn in die Hand gedrückt hatte. Blutflecken und Risse machten es schwierig, sie zu lesen, besonders in der Dunkelheit, aber Derim hatte sie eingehend studiert und wusste genau, wo sie sich befanden.
Allerdings musste er zerknirscht feststellen, dass die Fremde recht gehabt hatte. Anscheinend hatte er einen Fehler gemacht. Sie waren nicht dort herausgekommen, wo er erwartet hatte. Sie mussten sich wohl oder übel nach Süden statt nach Osten wenden, und das bedeutete, sie konnten den Wald noch nicht verlassen.
Frustriert steckte er die Karte wieder ein und betrachtete seine Schwestern. Wie bleich sie im Mondlicht aussahen. Wie zerbrechlich. Er spürte, wie die Müdigkeit ihn befiel. Doch er musste wach bleiben.
„Ach, was soll’s“, murmelte er schließlich, nahm vorsichtig den Gürtel aus Sarias Händen und hängte ihn über den Eingang. Es würde vielleicht nicht allzu viel bringen, doch schaden konnte es auch nicht. Einen der Wurfdolche zog er heraus und wog ihn prüfend in der Hand. Dann zog er sich ein Stück weiter in den hohlen Baum zurück, hüllte seinen Mantel fest um sich und setzte sich.
Er würde seine Schwestern beschützen, wie er es seinen Eltern versprochen hatte.

Lautlos trug sie den regungslosen Körper zu ihrem Versteck. Vielleicht war es eine verrückte Idee, aber wenn das Buch recht hatte … Es war einen Versuch wert.
Endlich erreichte sie einen höhlenartigen Eingang und schlüpfte hinein. Es war wohl besser, wenn sie ihn weit nach hinten brachte. Behutsam legte sie den leblosen Naësaru ab und fesselte Arme und Beine. Dann zog sie vorsichtig den Dolch heraus.

„Derim? Derim, wach auf!“
Erschrocken riss er die Augen auf. Er war eingeschlafen! Und die Sonne war bereits aufgegangen!
„Ist schon in Ordnung, du hast deinen Schlaf gebraucht“, meinte Saria und versuchte ein fröhliches Lächeln. Es misslang ihr.
„Ich hätte wachbleiben müssen! Jemand hätte uns finden können!“ Er zuckte leicht zusammen, als er etwas Kaltes in seiner Hand spürte. Noch immer hielt er den Dolch umklammert.
„Es hat uns aber niemand gefunden! Also beruhige dich bitte! Du kannst uns ohnehin nicht beschützen, wenn du dich nicht auf den Beinen halten kannst!“
Derim wollte etwas erwidern, doch dann fiel ihm etwas auf. „Wo ist Aya? Saria, wo ist Aya?“, schrie er beinahe.
Sarias Gesicht gewann einen schuldbewussten Ausdruck. „Sie sagte, es gäbe hier vielleicht schon Beeren. Sie wollte sich umschauen gehen.“
„Alleine? Warum hast du sie nicht aufgehalten!?“
„Ich habe es doch versucht, aber sie wollte es nicht hören! Sie hat ein paar von den Dolchen mitgenommen und gesagt, es sei bestimmt sicher, die Fremde hätte uns gesagt, wenn weitere Naësari in unserer Nähe wären. Jetzt ist sie schon eine Weile weg, und da wollte ich dich …“
„Das ist doch Wahnsinn! Wo ist sie hin? In welche Richtung?“
In diesem Moment hörten beide ein Geräusch und drehten sich um. Aya trat zwischen den Bäumen hervor.
Derim eilte auf sie zu und packte sie an den Schultern. „Bist du wahnsinnig? Wie oft habe ich dir gesagt, wir müssen zusammenbleiben! Was hast du dir dabei gedacht?“
„Dass du ruhig noch ein bisschen schlafen solltest und wir etwas zu Essen brauchen“, antwortete Aya und erwiderte ruhig seinen Blick.
Derim starrte sie fassungslos an. Dann bemerkte er ihre Hände. Sie waren voller Nüsse. Langsam ließ er ihre Schultern los. „Dir hätte etwas zustoßen können“, meinte er schwach.
„Derim, ich weiß, du vertraust ihr nicht, aber die Fremde hat uns beschützt. Und ich bin mir sicher, sie tut es noch immer. Ich war vorsichtig, ich hatte die Dolche. Und ich habe etwas zu Essen, auch wenn es nicht viel ist. Wir können so vorsichtig sein wie wir wollen, wenn wir nichts essen, schaffen wir es so oder so nicht nach Nisirta.“
Derim gab sich geschlagen. Aya mochte ein Jahr jünger sein als er, doch bei ihr hatte er sich immer wie der kleine Bruder gefühlt. Sie wusste immer, was sie tat, und wenn sie einen Entschluss gefasst hatte, gab es nichts, was diesen ändern konnte. Und sie stand zu ihren Entscheidungen.
Ergeben setzte er sich zu ihr auf den Boden, wo sie sich bereits niedergelassen und begonnen hatte, die Nüsse zu untersuchen.
„Mit deinem Schwert sollte es gehen.“
Es war kein großartiges Schwert. Es erfüllte seinen Zweck, obwohl es ein bisschen rostig und stumpf war. Trotzdem erschien es Derim nicht richtig, ein solch stolzes Werkzeug dazu zu gebrauchen, um ein paar Nüsse zu knacken. Aber sie hatten kaum eine andere Wahl.
Wenige Minuten später verspeisten sie ihre karge Mahlzeit, doch trotzdem fühlten die drei Geschwister sich gestärkt. Saria schien zuversichtlich, dass sie bald etwas Besseres finden würden, und Derim wünschte sich, er könnte ihren Optimismus teilen. Schließlich brachen sie erneut auf durch den düsteren Wald, der ihnen auf einmal ein bisschen weniger bedrohlich erschien.

Sie hatten ihr Lager verlassen und ihre Spuren führten nach Süden. Gut. Es würde nicht lange dauern, sie wieder aufzuspüren. Es war nicht auszuschließen, dass im Süden bereits weitere Patrouillen unterwegs waren. Diese Gegend war nicht sicher.
Die Fährte der größeren Gruppe hatte sie verloren, als sie die Spur der drei anderen gefunden und festgestellt hatte, dass diese die Menschen verfolgten. Möglicherweise hatte die Gruppe das Gebiet längst verlassen. Sicher konnte sie sich allerdings nicht sein.
Es war unvorsichtig gewesen, sie aus den Augen zu verlieren, aber letztendlich hatte sie die richtige Wahl getroffen. Dennoch, wer auch immer diese zweite Gruppe führte, schien geschickter zu sein als jene, die Er zuvor geschickt hatte. Sie durfte nicht leichtsinnig werden.
Vorsichtig kroch sie näher an die kleine Lichtung, die vor ihr lag. Irgendwas erschien ihr merkwürdig daran. Sie wollte sich noch ein Stückchen weiter nach vorne bewegen, da nahm sie einen feinen Geruch wahr. Erst jetzt wurde ihr klar, dass der Wind gedreht hatte.
Blitzschnell langte sie nach dem Schwert an ihrer Seite, jedoch einen Moment zu spät …

„Still!“
Die Schwestern blieben stehen. Saria warf Derim einen fragenden Blick zu, und dieser legte einen Finger auf die Lippen.
„Ich glaube, ich habe etwas gehört“, erklärte er flüsternd.
Sie setzten ihren Weg fort, stets bemüht, kein Geräusch zu machen.
„Jetzt höre ich es auch!“, wisperte Saria auf einmal.
Aya nickte. „Stimmen“, erwiderte sie lautlos.
Vor ihnen lag ein dickes Gebüsch, das ihnen die Sicht versperrte. Von dort schienen die Stimmen zu kommen. Leise schlichen sie sich heran und spähten auf die kleine Lichtung, die sich dahinter befand.
Saria sog erschrocken die Luft ein, und Aya blickte mit weit geöffneten Augen auf das Schauspiel, das sich ihnen bot.
Vor ihnen auf dem kleinen freien Platz hatte sich eine Gruppe von fünf Naësari versammelt. Ein sechster, ziemlich groß und bedrohlich wirkender Naësaru stand in ihrer Mitte und hatte die Fremde am Hals gepackt. Er hielt sie vor seiner Brust wie ein stolzer Jäger seine Beute.
Die Fremde griff verzweifelt nach seiner Hand, doch vergeblich, sein Griff war eisern. Ihre Füße strampelten ein Stück über dem Boden und sie schien nach Luft zu ringen.
„Sieh mal an was wir hier haben“, meinte der Naësaru triumphierend und entblößte seine Zähne, „Ein kleines Mädchen, das sich verlaufen hat! Und was für gefährliche Spielzeuge sie dabei hat. Hat man dir denn nicht beigebracht, dass man mit Silber nicht spielt?“
Er machte eine Geste in Richtung der beiden Gürtel, die man ihr abgenommen hatte. Sorgfältig nebeneinandergereiht lagen sie einige Meter entfernt von ihr auf dem Boden.
„Eure Gesetze interessieren mich nicht, Kalev, das weißt du genau!“, brachte die Fremde mühsam hervor.
Sein Grinsen verschwand, und sein ganzes Gesicht verdüsterte sich. „Das habe ich bereits bei unserer ersten Begegnung festgestellt. Eines Tages wird dir das noch zum Verhängnis werden, Laryana. Selbst der Fürst wird nicht ewig Geduld mit dir haben.“
Laryanas Gesicht bekam mit einem Mal einen panischen Ausdruck, und Kalevs boshaftes Lächeln kehrte zurück. „Ja, er wird sich sehr über das kleine Geschenk freuen, das wir ihm mitbringen werden.“
„Nein!“, röchelte Laryana. „Nein! Ich gehe nicht zurück! Tötet mich lieber hier und jetzt!“
Kalev legte den Kopf ein wenig zur Seite. „Glaube mir, es gibt nichts, was ich lieber tun würde. Immerhin hast du schon wieder einen unserer Suchtrupps eliminiert, und gerade diesmal wird das dem Fürsten ganz und gar nicht gefallen. Aber ich habe nun mal meine Befehle. Außerdem kann ich gewiss mit einer Beförderung rechnen, wenn ich dich am Stück zu ihm bringe.“
Ein letztes Mal versuchte Laryana, sich zu befreien, doch sie erntete nur ein Lachen von Kalev und seinen Schergen, die artig mit einstimmten. Sie warf Kalev einen wütenden Blick zu, als dieser grinsend ihren Arm ergriff, um einen weiteren vergeblichen Befreiungsversuch zu unterbinden.
Plötzlich riss sie den Kopf herum und biss ihm mit aller Kraft in seine Hand. Ein zorniger Schrei ertönte, und mit einer weit ausholenden Armbewegung schleuderte Kalev Laryana gegen den nächsten Baum.
Derim glaubte, ein Knacken zu hören, als ihr Körper den mächtigen Stamm traf. Sie fiel zu Boden und blieb regungslos liegen.
Kalev schien das eine gewisse Genugtuung zu verschaffen. Langsam trat er auf sie zu und hob sie an einem Arm hoch wie eine leblose Puppe. Spott lag in seinem Gesicht.
Derim hatte einen Entschluss gefasst. Er sah zu Saria und Aya herüber. Sie nickten.


Laryanas Kopf dröhnte. Undeutlich nahm sie wahr, wie Kalev sie aufhob und aufmerksam betrachtete.
Langsam ließ der Schmerz nach, ganz langsam. Das Flimmern vor ihren Augen verschwand, doch sie fühlte sich noch immer etwas benommen. Dieser Aufprall hätte jeden Menschen getötet, das wusste sie. Warum nicht mich?, dachte sie düster.
Kalev machte irgendeine Bemerkung, die seine Gefolgsleute erneut in ein grauenhaftes Gelächter ausbrechen ließ. Laryana nahm es kaum wahr. Ihre Kraft kehrte viel zu langsam zurück, ihr Hals schmerzte fürchterlich und erschwerte ihr das Atmen.
Verzweifelt sah sie sich um, wohin Kalev ihr Schwert geschleudert haben mochte. Ihre anderen Waffen zu erreichen schien ihr unmöglich. Wie war es ihnen nur so schnell gelungen, sie zu entwaffnen? Drei von ihnen hatten sie auf einmal gepackt, und obwohl sie mindestens einem davon mit einem gezielten Tritt den Kiefer gebrochen hatte, war sie chancenlos gewesen. Hätte das Silber sie nicht mehr schwächen müssen?
Da erinnerte sie sich an etwas anderes. Wenn sie nur an ihren Stiefel käme!
Kalev brüllte einige Befehle. Anscheinend wollte man sie fesseln. Sie musste es versuchen, es war ihre letzte Chance. Der riesenhafte Naësaru hielt sie noch immer fest, aber er war abgelenkt. Vielleicht konnte sie es schaffen.
Sie holte mit ihrem freien Arm aus und verpasste dem überraschten Kalev einen Kinnhaken. Er war nicht so kräftig, wie sie gehofft hatte, jedoch genug, damit Kalev ihren Arm losließ. Schnell brachte sie sich mit einer Rolle nach hinten in Sicherheit und griff nach ihrem Stiefel.
Wieder war der Naësaru schneller. Zornig packte er erneut ihren Hals und hob sie auf Augenhöhe. Vergeblich versuchte sie sich zu wehren, aber sie war noch zu schwach. Ihre Füße baumelten kraftlos über dem Boden.
„Glaube mir“, knurrte Kalev, „du wirst dafür büßen, dass du dich gegen mich aufgelehnt hast. Ich weiß ein paar kleine Tricks, die sehr schmerzhaft sein können, und da deine Wunden heilen werden, bevor wir in Travahel angekommen sind, wird es der Fürst nicht einmal bemerken. Es wird dir noch sehr leidtun, was du …“
Ein Naësaru hinter ihm brach plötzlich stöhnend zusammen. Nur eine Sekunde später folgte ein zweiter.
„Was ist hier los?“, brüllte Kalev. „Was …“ Entsetzt sah er zu Boden. Von den beiden Naësari waren nur noch Kleidung und ein bisschen Staub übrig, ebenso wie ein kleiner, metallener Gegenstand.
Laryana immer noch fest im Griff, zeigte er mit der anderen Hand gebieterisch in die Richtung, aus der die Wurfgeschosse zu kommen schienen. „Los, bewegt euch!“, bellte er. „Schnappt sie euch!“
Zwei weitere Geschosse folgten, und ein Naësaru ging zu Boden. Ein anderer griff schreiend nach seinem Arm, der auf einmal vollkommen leblos war.
„Silber!“ fauchte Kalev und zog Laryanas Gesicht direkt vor das seine. Als er Laryanas erschöpftes, aber spöttisches Lächeln sah, ließ er sie los und versetzte ihr einen Schlag ins Gesicht. Seine krallenartigen Fingernägel hinterließen drei tiefe, blutende Striemen auf ihrer Wange.
„Das ist dein Werk, nicht wahr?“, schrie er und zog drohend seinen gewaltigen Zweihänder.
„So ist es. Und das ist für dich!“
Kalevs Augen weiteten sich. Aus seiner Kehle kam ein letztes Röcheln, dann zerfiel er lautlos zu Staub.
Laryana fiel zu Boden. Kalevs Schwert landete mit einem dumpfen Schlag vor ihr. Auf beide Knie und eine Hand gestützt schloss sie ihre zitternden Finger fest um den kleinen Dolch, den sie mühselig aus ihrem Stiefel gefischt hatte.
Mit einem wütenden Schrei warf sie ihn nach dem letzten noch stehenden Naësaru, dann sank sie erschöpft nach hinten und lehnte sich schwer atmend an den Baum, an den Kalev sie geworfen hatte. Die Rinde war teilweise gesplittert, und Blut tropfte von der Stelle, an der ihr Kopf aufgeschlagen war.
Derim trat auf die Lichtung und sah sich vorsichtig um. Sein Blick fiel auf Laryana. Diese lehnte noch immer mit geschlossenen Augen an dem Baum und rang nach Luft. Entschlossen baute er sich vor ihr auf und streckte ihr drohend das Schwert entgegen, das er im Gebüsch gefunden hatte. Es war ihr eigenes.
„Also gut. Reden wir.“
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