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Es war einmal ein Erzähler, der saß mit Bleistift und gespitz­ten Ohren an seinem Schreibtisch und wollte etwas zu Papier bringen. Also ein Märchen, dachte er. Nur gut, dass ich ges­tern am Schloss war, da muss ich ja irgendwo auch am Mär­chen vorbei gekommen sein. Aber wo?

Er überlegte. Die zwei Schwäne auf dem Schlossteich hatten bestimmt etwas zu bedeuten. Wofür standen Schwäne noch­mal? Lebenslange Treue ... natürlich. Aber ob das schon Märchen genug war? Natürlich nicht.

Die Prinzessin jedenfalls blieb unauffindbar. In keiner der vielen Kutschen, die in gemächlicher Fahrt um das Schloss herumzuckelten, konnte man sie entdecken. Nicht im Fasa­nenschlösschen, nicht im letzten Winkel des Schlosses. Es war einfach mysteriös. Unergründlich wie das Märchen selbst!

Der Jäger hatte ins Horn geblasen, unhörbar, und dem Hirsch war wohl das Gold seines Geweihs verloren gegangen. Da war kein Schuh auf der Treppe, kein Geist in der Flasche und kein Butt in der oder dem See. Von einer Meerjungfrau ganz zu schweigen! Selbst die Dampflok war ohne Jim Knopf un­terwegs gewesen. Kein Märchen weit und breit. Aber wo dann?

Er schlug sich an die Stirn: Am Leuchtturm! Na klar, da musste es gewesen sein! Und er erinnerte sich: der sehn­suchtsvolle Blick der Nymphe, unerwidert, das Schiff voll Hoffnung, unsichtbar, ankernd am Leuchtturm, dessen Leuchtfeuer (natürlich!) nicht über den See strahlte. Da war es gewesen! Da war die Sonne auf einmal hinter den Wolken hervorgebrochen wie zwei leuchtende Augen, mit all ihrer wärmenden Macht, hatte den großen Eisfluss zum Schmel­zen gebracht und schließlich sogar die Bäume aus den Träu­men geweckt, bis sie sanft erröteten. Ja, und so auch ihn.

Auch ihn hatten die Sonnenstrahlen geweckt, auch ihn hatte die Wärme vom Kopf bis zu den Zehenspitzen durchflutet, bis ihm das Blut in den Kopf geschossen war, auch ihm hatte die Sonne quasi ein Lächeln ins Gesicht gekitzelt, ein Lä­cheln, das ansteckte und das bis zum Abend und noch länger angehalten hatte. Bis zu dem Abend, an dem er fernab vom Schloss den Widerschein der Sonnenstrahlen fand: jene zwei Augen, die ihn genauso liebevoll und bedingungslos anstrahlten, dass er wieder genauso von Kopf bis zu den Zehenspitzen von Wärme durchflutet war, bis er letztendlich die zu diesen Augen dazugehörende Person in die Arme nahm und einfach küsste.

Nein, dabei handelte es sich nicht um die Prinzessin. Die blieb auch weiterhin verborgen, unauffindbar wie ihr Mär­chen selbst. Aber was soll's? Hier ging doch gerade ein ande­res Märchen seinen eigenen, ganz normal märchenhaften Gang.
Dresden, Germany, 2019


        Mein Beitrag zum Prompt Märchen der Schreiberlinge .


        Ich war tatsächlich beim Schloss. Beweisfoto: [link]


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:iconsparklefuchs:
SparkleFuchs Featured By Owner Mar 2, 2019  Student Writer
Nicht ganz das was ich erwartet hatte, aber die Idee ist Mal was besonderes.
Reply
:iconfantom125:
fantom125 Featured By Owner Mar 3, 2019
Es war tatsächlich so, dass ich an dem Wochenende bei dem Märchenschloss war, einige Bilder geschossen und hier hochgeladen hatte und dann auf den Prompt "Märchen" aufmerksam wurde. Ich musste fast nur noch meine Bildertitel zusammenfügen! Und das habe ich dann eben gemacht ...

Ich bin eben nicht nur Fan Tom, sondern auch Fantom, also nicht dazu da, um Erwartungen zu erfüllen!-)
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March 1
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