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dracenmarx's avatar

Evening Star

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Aus dem Tagebuch des Sanitäters Soleil del Sol

Ich erinnere mich noch an die letzten Tage. Ein Assistent hat mich abgelöst und kümmert sich nun um meine Patienten im Lazarett. Man hat uns zwei Monate frei gegeben. Ich kann es gar nicht glauben, endlich einmal Freizeit zu haben und doch denke ich viel zu oft an meine Patienten und habe Sorgen, dass sie mich vermissen oder das die Aushilfe nicht alles Erdenkliche für sie tut.

Gestern habe ich mit Daniel noch einmal in einer nicht weit entfernten Oase gebadet - natürlich nackt. Für heute ist ein Flug für uns und ein paar Andere gebucht. Alle Soldaten dürfen in ihrem langen Urlaub nach Hause zu ihren Familien. Das macht mich traurig. Ich habe niemanden, den ich besuchen kann. Und dann muss ich an den Straßenjungen Marvin in den apokalyptischen Kanada denken, der täglich um das Überleben kämpft und nicht mit nach Europa gekommen ist, weil er bei seiner Mutter bleiben wollte. Und natürlich an meine Eltern in Frankreich, die ich nie mehr besuchen darf, weil man mir in Frankreich wegen Fahnenflucht den Kopf abschlagen möchte.

Daniel hat mir angeboten, dass ich mit zu seiner Familie darf. Ich könnte nicht hier bleiben und ihn reisen lassen, dann wäre ich so einsam. Ich hoffe, dass ich mit ihnen klar komme und nicht störe.

Nachdem ich gestern wohl wieder etwas zu tief in das Glas in der Soldatenkneipe geschaut hatte und heute nur schwer aufgestanden bin, trat ich meine Reise an. Ich kann mich eigentlich an nichts mehr erinnern, aber Daniel, der ja nie etwas trinkt und auch nicht raucht, sagte, dass er mich Sturzbetrunken ins Bett gesteckt hat. Mit dem Jeep sind wir zum GDA-Flughafen in der Wüste angekommen. Gerade wurde wieder ein Trupp Gefangener nach Deutschland geflogen.

Der Flug war ziemlich langweilig und ungewohnt. Die ganze Reise hörte ich Westernmusik. Zu mindestens waren meine Kollegen bei mir und dank Daniel, der neben mir saß, wurde mir auch nicht all zu langweilig.

Ab dem Flughafen verließen wir militärisches Gelände und begaben uns in die zivilen Bereiche. Zuerst gingen wir zu Fuß zu den nächsten großen Bahnhof. Es ist schon komisch, zu reisen. Die Leute schauen einen komisch an, wenn man eine Uniform trägt - besonders wenn es eine Wüstenuniform ist. Doch ich bin Stolz auf sie und werde sie erst ausziehen, wenn ich bei Daniel untergekommen bin.

In Frankfurt habe ich mir ein paar fingerlose Handschuhe aus Leder - natürlich in Khaki-Wüstenfarbe - gekauft. Sehen richtig schön aus und ich behielt sie auch gleich an. Daniel habe ich auch etwas mitgebracht. Den tarnfarbenen Tanga werde ich ihm aber erst heute Abend zeigen.

Nachdem wir in der Großstadt umgestiegen sind, haben wir lange am Bahnsteig eines kleinen Dorfes namens "Talstraße" an der Grenze zu Frankreich auf den letzten Zug dieses Abends warten müssen. Der Abend war bereits angebrochen und der Bahnsteig war das Einzige, was hell erleuchtet war. In der Gegend war ein großes Tannenwald und das verlassene Bahnhofsgebäude. Etwas weiter Weg floss der Rhein. Ich war zu nervös um einfach nur dazusitzen und so ließ ich Daniel kurz alleine um ein bisschen am Waldrand auf der zerfallenen Straße entlangzulaufen. Auch ging ich kurz in das verlassene Bahnhofsgebäude. Für einen Moment war ich in dieser Dunkelheit und dachte an nichts. Schließlich ging ich wieder zurück zu der hell erleuchteten Plattform. Es war, als würde ich in die Realität zurückkehren. Als ich Daniel dasitzen sah, wie er mit aus Langeweile mit den Stiefeln mit meinen Zigarettenkippen auf den Boden herumspielte, wurde mir auch wieder warm um das Herz und ich strich ihm über die Schulter, über die Schulterklappen und schließlich über die Wangen.

Doch als ich da stand schaute ich in den Sternenhimmel. Ein einziger Stern war dort oben über den Baumkronen der Tannen, die ich so liebe und so lange missen musste. Ich schaute mich um und versicherte mich, dass kein anderer Stern am Himmel war. Dann schaute ich den Abendstern wieder an. Und während er mich anlächelte, faltete ich die Hände und betete ihn an, dass alles wieder gut wird.

Erst im Morgengrauen kamen wir bei Daniels Familie an. Ich wurde freundlich empfangen nachdem ich mich Eltern und Großeltern vorgestellt habe, legte ich mich mit Daniel schlafen. Doch ich fand einfach keinen Schlaf.

Es ist wirklich komisch wieder in Deutschland zu sein. Der Tag ist nicht so heiß und die Nacht ist überhaupt nicht frostig. Es ist schwierig, sich an das neue Klima zu gewöhnen. Und auch keine Schüsse in der Nacht, keine schnarchenden oder röchelnden Patienten in den Betten - das ist neu, fast schon zu ruhig für mich.

Zum Glück gibt es auch in Deutschland meine Lieblingszigarettenmarke "Torronia Blend" aus Spanien. Ich versuche, immer auf dem Balkon zu rauchen, um Lorenz' Familie nicht zu stören. Die Großeltern schauen mich immer so komisch an. Aber seine Eltern sind ganz nett zu mir.

Ich freue mich schon auf die Nacht.
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Published:
© 2010 - 2021 dracenmarx
Comments12
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Veggie55's avatar
Wow this isn't edited?!
Lucky and amazing shot!
dracenmarx's avatar
Eh, no it's DRAWN ^^ I saw this scene, kept it in my head and then tried to draw it in a realistic way. Great you like it.
Veggie55's avatar
xD
Well you could've fooled me :3
Giruveganus-aevis's avatar
Weeeee! I don't understand german! And... Hum... Why this star is special?
dracenmarx's avatar
I don't know if you know this too. If evening begins and there is a single star at the sky, you may wish something, but you may not tell anyone, or it won't come true.

This was a scene I saw when I waited for a train in a small town. Since I love firs, I wanted to draw that scene I saw out of my head.

The story was a diary from Soleil who had holidays and came back to home for 2 months.
Giruveganus-aevis's avatar
Ah, I know this legend and I really don't believe it.

But, well, good to know that there's a story behind the pic. Well, was I supposed to comment in the pic? I mean, you wrote the comment in german, and you usually don't do that.
dracenmarx's avatar
Of course it was nice that you commented. Also since the picture is "universal language". Uh, I seem to have forgotten to write anything in English. Usually I write one small sentense, even if the story (which will be also published in the great GDA-universe portal) is fully written in German.
Giruveganus-aevis's avatar
Good to know that you write itt in english, too, so more people can read ^^
dracenmarx's avatar
You're welcome. I still look for some free time for this task ^^"
ReptileCynrik's avatar
Nun komme ich endlich dazu, einen Kommentar zu schreiben. :)

Zum Bild:
Die einfache Dreifarbigkeit (auf dem ersten Blick sind es ja nur Blau und Schwarz, aber da ist noch der Stern) ist sehr spannungsvoll. Das Indigo-Nachtblau passt sehr gut und die Umrisse der Landschaft lassen sich nur erahnen. Das ist eine wenig kontrastive, aber sehr empfindsame Farbwahl; außerdem ist sie realistisch. ^^
Der einzelne Stern zieht den Blick auf sich! Er ist auch nicht ganz in der Mitte, was wiederum Spannung erzeugt. Eine gute komposition und auch wenn man anscheinend nicht viel sieht... man muss nur länger drauf gucken. ;)

Zum Text:
Besonders gelungen ist die Wahl der "Ich-Perspektive", wodurch die Gefühle und Einstellung der Hauptfigur besonders deutlich werden. Auch ist eine Identifikation mit der Figur so viel leichter. Der Text ist sprachlich gelungen, bildhaft und sehr gefühlvoll. Man kann sich in die Figur gut hineinversetzen und ihre Situation nachempfinden.

Sehr gute Arbeit!

(Das war, wie ich eine Klassenarbeit bewerten würde, hehehehehe... es passte hier aber einfach nur zu gut :D)
dracenmarx's avatar
Vielen Dank für die Rezension bzw. Bewertung :D Freut mich, dass es Gelungen ist.

Und wie findest du die Idee, dass die Soldaten mal im Jahr 2 Monate frei bekommen? :D
ReptileCynrik's avatar
Nun, ja... eventuell 1 Monat würde es auch tun! ;) Musst bedenken, dass es sicher nicht SOOOOO viele Soldaten gibt, und je länger EINER frei hat, desto länger muss ein ANDERER vertreten! :P
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