Impressionistische Fotografie

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Was ist Kunst und worin besteht ihre Aufgabe? Im Mittelalter hätte man vielleicht gesagt: In der Nachahmung der Natur. Das Denken der Menschen war damals von der Vorstellung geprägt, dass es in der Welt grundsätzlich zwei Sorten von Dingen gibt: Die Natur, das Natürliche und von Gott Geschaffene einerseits, sowie die Kunst, das Künstliche und von Menschen Geschaffene andererseits.
Während Jahrhunderten galt der Ehrgeiz der Künstler dem edlen Ziel, die Natur so gut wie möglich zu imitieren. Doch durch die Erfindung der Fotografie vor über hundert Jahren änderten sich die Bedingungen schlagartig. Jetzt war da eine Maschine, welche die Natur anscheinend präziser nachahmen konnte als jeder Maler.
Aber warum eigentlich wurde die Fotografie erst im 19. Jahrhundert erfunden und nicht schon früher? Natürlich weil die nötigen technischen Verfahren erst dann verfügbar wurden – würde man denken. Die "Camera Obscura" war aber schon seit dem 13. Jahrhundert bekannt und manche Kunsthistoriker behaupten denn auch, dass es einen anderen wichtigen Grund für das Aufkommen der Fotografie gibt, nämlich die Erstarkung des Bürgertums in jener Zeit.
Es war diese gesellschaftliche Entwicklung, so die These, die nach einem "objektiven" bildgebenden Verfahren verlangte, welches, anders etwa als die Malerei, die Dinge vermeintlich exakt so wiedergibt, wie sie tatsächlich sind.
Das Objektiv der Kamera begann fortan den Pinsel des Künstlers abzulösen und Portraits und andere Abbilder wurden immer häufiger nicht mehr von Malern angefertigt, sondern von Fotografen.
Unter den Künstlern machte sich aber auch eine gewisse Ernüchterung breit. Jetzt, wo die Nachahmung der Natur kein Problem mehr darstellte, erkannt man, dass damit auch Dinge verloren gingen.
Deshalb erteilte sich die Kunst eine neue Aufgabe: Die Darstellung des Nicht-Fotografierbaren, die Abbildung des Unsichtbaren. Also kamen die Impressionisten und zerlegten jeden Eindruck in eine zitternde Ansammlung farbiger Tupfer. Und dann kamen die Expressionisten und verlegten jeden Ausdruck in die Wiederholung abstrakter Muster.
Und dann kamen in Europa leider die Nazis und verbrannten beides als entartete Kunst. In der Aufarbeitung der Vergangenheit durch die Nachkriegsgeneration erhielten die Künstler dann eine neue Aufgabe. Die moderne Kunst sollte nun vor allem Eines: irritieren. Kunst sollte die Leute aufwecken aus ihrem dogmatischen Schlaf. Denn erst die Taubheit der Menschen, so dachte man, hat den Nährboden für den Faschismus geliefert.
Während in Europa von der Kunst noch immer erwartet wird, dass sie eine Irritation provoziert, ist  die Nachahmung der Natur zum gesamtgesellschaftlichen Programm erhoben worden. Die sogenannt "freie" Marktwirtschaft wird als ein quasi-natürliches System angepriesen, welches nach ähnlichen Prinzipien funktioniere, wie sie von Darwin in der Evolutionstheorie beschrieben wurden: Der Bestangepasste überlebt in der Natur, der Konkurrenzfähigste setzt sich am Markt durch. Der Unterschied zwischen Naturgesetzen und sozialen Gesetzen droht nicht erkannt zu werden.
Bei so viel auferlegter Natürlichkeit kriege ich als Künstler vor allem auf eines Lust: auf eine unbekümmerte Künstlichkeit. Dank der digitalen Fotografie gibt es heute so etwas wie  "impressionistische Fotografie", eine Fotografie, die nicht auf Dokumentation objektiver Gegebenheit ausgerichtet ist, sondern einen Eindruck oder eine Stimmung wiedergeben will. Es ist der Einzug der Fantasie und der emotionellen Tiefe in das ursprünglich mechanische Wesen der Fotografie, und es hinterfragt den bürgerlichen Anspruch, dass der einzige Zugang zur Wirklichkeit über eine alphabetische Katalogisierung der Wissbarkeiten zu bewerkstelligen ist.
Digitale Fotografie (einschliesslich der Bildbearbeitung am Computer) ermöglicht gewissermassen die Fotografierung des Nicht-Fotografierbaren, die Darstellung des Unsichtbaren.
Stellen sie sich als Beispiel vor, Sie sind verliebt in jemanden. Ihr Herz beginnt schon im Hals zu klopfen, wenn Sie nur ein Foto der geliebten Person sehen. Nun zeigen Sie das Foto einem Freund, aber der ist nicht verliebt und sein Herz bleibt unbewegt.
Und nun beginnen Sie nach Möglichkeiten zu suchen, den Eindruck, der die geliebte Person auf Sie macht, irgendwie mit auf das Bild zu bringen – und so entsteht impressionistische Fotografie.

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